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Die Kunst der Versatzstücke

Skulpturen und Zeichnungen von Pomona Zipser und Susanne Specht in der Galerie Ruhnke

Von Almut Andreae
Die anfänglichen Zweifel, zwei so unterschiedliche Bildhauerinnen wie Susanne Specht und Pomona Zipser in einer Ausstellung miteinander zu verknüpfen, sind dem Galeristen Werner Ruhnke schnell vergangen. "Sie wissen, was sie wollen", kommentiert er sichtlich beeindruckt die professionelle Art und Weise der beiden Künstlerinnen, ihre Werke für die erste gemeinsame Ausstellung souverän in seiner Galerie zu installieren. Die beiden 1958 geborenen Bildhauerinnen verbindet eine jahrelange Freundschaft und, was sich in der Doppelausstellung in den Räumen der Galerie Ruhnke sehr schön widerspiegelt, großer Respekt für die künstlerische Arbeit der anderen.

Blickfänger im ersten Raum sind in gleicher Weise die zweiteilige Sitzskulptur aus persischem Travertin von Susanne Specht und die Arbeit "Rot aus der Wand" von Pomona Zipser. Den Kontrast zwischen der spröden Ursprungsmaterialität des vielschichtigen roten Steins und der verführerischen Seidigkeit feinstpolierter Oberflächen hat Specht in dieser Sitzskulptur weidlich ausgekostet. Von ganz anderem Reiz ist die Ausstrahlung der Arbeiten Pomona Zipsers, die wie Signale in den Raum vorkragen. "Rot aus der Wand" spreizt sich mit großem Aufforderungscharakter keck von der Wand ab und geht ganz auf Konfrontation. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das vielgliedrige Konstrukt, gespannt wie eine Armbrust, als ein Konglomerat unterschiedlichster Versatzstücke. Hölzerne Latten, Keile und Brettchen werden durch Nägel und Schnüre zusammengehalten und entwickeln unter einer Farbschicht von leuchtendem Mennigerot eine neue selbstbewusste Realität.

Wo die eine Bildhauerin in den Stein vordringt und ihm neue Daseinsformen entlockt, montiert die andere aus Fundstücken und Überbleibseln Raumgebilde von fast kreatürlicher Kraft. Der konzentrischen Steinplastik Susanne Spechts stehen die gerne in den Raum und bis an die Decke ausgreifenden gestenreichen Skulpturen Pomona Zipsers gegenüber. Im Vergleich zu Specht, ist ihre Ausdrucksweise erzählerischer, anekdotischer auch. "Ich mache eine Skulptur, um etwas sehen und hinstellen zu können, das mich in der Vorstellung beschäftigt", hat Zipser einmal gesagt. Die Holzstücke mit ihren Gebrauchsspuren, auch die gebogenen Nägel, werden zum Vehikel, um Vorstellungen und Erinnerungen zu übersetzen. Diese Herangehensweise erinnert an das Spiel eines Kindes, wo sich Unbewusstes mit Planvollem verbindet und Überraschendes gebiert. Manchen der bei Ruhnke gezeigten Arbeiten Pomona Zipser haftet etwas Archaisches an, ruft Assoziationen an die Artefakte von Naturvölkern wach. Oft mischt sich darunter – davon zeugen nicht zuletzt Titel wie "Unter die Decke geklemmt" oder "Geier unter Sammlern" – auch eine Spur von Schalk und Hintersinn. Dies belegen auch die ausgestellten Tuschzeichnungen, in denen Zipser inhaltlich starke Eindrücke aufarbeitet wie offenbar weniger geglückte Begegnungen mit Galeristen oder die Schlachtung eines Huhns.

Auch von Susanne Specht ist in der Ausstellung eine ganze Reihe von Zeichnungen zu sehen. Die kräftigen Spuren von Graphit auf gekratztem Papier lassen fast körperliche, an Architektur erinnernde Formen entstehen. Gleichsam zum Brückenschlag zwischen Fläche und Volumen, zwischen Papier und Skulptur werden ihre "Flügel"-Objekte im Untergeschoss. Hier wurden Tuschzeichnungen aus dem Papier geschnitten, zum Teil verflochten und mittels Stecknadeln in schwarzen Kästen fixiert. Von wiederum gänzlich anderer Machtart als diese filigranen plastischen Kompositionen in Papier sind die Betongussformen von Susanne Specht, die sie modulartig konzipiert und dann gefärbt und gewachst in den Innen- oder Außenraum stellt. Die Bereitschaft der Künstlerin, einerseits mit uraltem Gestein namens Ekoglit aus dem Innersten der Erde zu arbeiten und andererseits mit Matrix-Formen aus Beton, spricht für starke Experimentierfreudigkeit.

Mit einer Arbeit ist Susanne Specht übrigens schon länger im Potsdamer Stadtbild präsent: "Silentium" heißt diese Großplastik aus Juramarmor. Seit der Bundesgartenschau 2001 steht sie im Potsdamer Nuthepark.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. November, jeweils donnerstags bis sonntags, 14-18 Uhr, in der Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122, zu sehen

© Potsdamer Zeitungsverlags GmbH & Co.

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