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Potsdam-Kultur

Vom Reichtum der Stille
Zwölf Konzepte Konkreter Kunst sind in den kommenden Wochen in der Galerie Ruhnke zu sehen

Sie ist von unaufdringlicher Eleganz. Im herbstlichen Hofkarree der Galerie Ruhnke erscheint die schlanke Lichtstele ganz in Weiß wie eine Säule aus Eis. In seiner Skulptur lässt der Bildhauer Ben Muthofer, der aus der Malerei und Zeichnung kommt, Flächen interagieren. Das einfallende Licht setzt er in seiner Skulptur als wesentliches Gestaltungselement mit ein. Motiviert wohl auch durch das Ideal einer zu erreichenden Immaterialität im künstlerischen Ausdruck. Die Position des in Bayern beheimateten Künstlers ist eine von zwölf, die derzeit im Rahmen der Ausstellung "Konkrete Konzepte" bei Werner Ruhnke zu sehen sind.

Konkrete Kunst sei in Potsdam und der hiesigen Region eher selten zu sehen, hob der Galerist bei der Ausstellungseröffnung hervor. Nun hatte für die eigene Auseinandersetzung mit der Kunst der Moderne ganz entscheidend die Ästhetik der Bauhaus-Bewegung gewirkt, aus der die Konkrete Kunst hervorging. Als Begriff wurde sie 1924 durch den Bauhaus-Künstler Theo van Doesburg geprägt. Gesucht wurde nach der Materialisierung geistiger Inhalte, jenseits der Abstraktion von Wirklichkeit. Diesem Kunstverständnis folgend werden Form und Farbe von jeglicher inhaltlichen Funktion befreit. Struktur, Rhythmus und Konstruktion bestimmen das Erleben von Konkreter Kunst. Durch Einzelausstellungen mit Jo Enzweiler und Johannes Geccelli hatte die Galerie Ruhnke im vergangenen Jahr bereits zwei Protagonisten dieser Kunstrichtung ausführlich vorgestellt. Nun hat Jo Enzweiler die aktuelle Schau mit zwölf Konzepten Konkreter Kunst kuratiert. Dass er für die Ausstellung Künstler seiner Generation mit ins Boot nahm, ist kaum überraschend. Die ausnahmslos männlichen Kollegen kommen aus London, Paris, Zürich, Budapest und Deutschland. Obwohl jeder von ihnen mit bis zu drei Arbeiten vertreten ist, wirkt die Ausstellung keineswegs überladen. Zu diesem Gesamtbild tragen wesentlich die konsequente Reduzierung der bildnerischen Mittel und die formale Prägnanz in der Umsetzung bei. Nichts in dieser Kunst scheint dem Zufall überlassen. Jedes Werk ist auf das Sorgfältigste vorbereitet und durchgeführt. Mit arithmetischer Genauigkeit und großer Akkuratesse werden Linien gesetzt, Kanten ausgebildet, Oberflächen gespannt. Diese Kontrolliertheit entbehrt nicht eines gewissen Kalküls. Dennoch entsteht deswegen keine Kühlschrankkunst.

Repräsentativ für die vielfältigen Facetten Konkreter Kunst steht in der Ausstellung jede Position für ein eigenes künstlerisches Konzept. Stets drängt der Ausdruck auf eine Essenz. Und doch werden die Akzente denkbar verschieden gesetzt. So transformiert der Franzose Jean-François Dubreuil in seiner Acrylmalerei den Satzspiegel von Zeitungsseiten zu leuchtenden Farbfeldern und sich kreuzenden Linien. Aus Edelstahl sind die drei Bodenskulpturen von Ewerdt Hilgemann in raffinierter Knautschoptik, erzeugt durch "Implosionen". Hierfür saugt der deutsch-niederländische Künstler mit einer Vakuumpumpe aus luftdicht verschweißten Edelstahlkörpern die Luft im Innenraum ab. Die zuvor makellosen Kuben und Quader falten sich infolgedessen zusammen. Eine gänzlich andere Wirkung entfalten die kleinen Wandarbeiten des Saarländers Sigurd Rompza. Reizvoll sind die Schattenwürfe, durch die sich die Konturen seiner Skulptur "polyform" fortsetzen in den Raum. Mit Transparenz und Halbtransparenz arbeitet Klaus Staudt in seinen Reliefs. Aus Plexiglasplatten und Holzklötzchen konstruiert er eine interessante Mehrschichtigkeit und markante Oberflächenstruktur. Ganz anders bilden die positiven und negativen Formen in den monochromen Reliefs von John Carter einen spannungsvollen Kontrast.

Lässt man sich auf die Disziplinierung der Form ein, die Reduktion auf das Wesentliche, erlebt man genau in dieser Beschränkung eine große Freiheit. Diese Kunst ist eher introvertiert, zielt auf innere Sammlung statt auf Zerstreuung. Damit schafft sie zu der vielzitierten Reizüberflutung ein Gegengewicht, das Erlebnisräume schafft für das Empfinden von Entschleunigung, von Ruhe und Kontemplation. "Mein Reichtum ist die Stille", sagt Ben Muthofer über seine Kunst. Ein Satz, der Brücken schlägt zum Verständnis der "Konkreten Konzepte".
Von Almut Andreae

Bis 14. November, Do bis So 14-18 Uhr, Charlottenstraße 122. 29. Oktober, 10 Uhr: Galeriegespräch über "Konkrete Kunst heute" mit Robert Kudielka (UdK Berlin).


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