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"Aus Scham über der Tür versteckt"
Ulla Walter will die Lust auf Aktmalerei wecken


Frau Walter, Sie halten morgen in der Galerie Ruhnke einen Vortrag über Aktmalerei. Wie ist es um dieses Genre bestellt – auch angesichts der ungebremsten Verbreitung von Pornografie im Internet?

Ich hoffe, dass sich die Leute wieder neu für die Aktmalerei interessieren. Deshalb habe ich meinen Vortrag auch überschrieben: „Die Farben haben wieder Lust auf nackt“. Ich beobachte ja mein Umfeld und sehe, dass alle stöhnen: Wir sind so gestresst, weil sich die Augen nicht mehr richtig ausruhen können. Überall geht es um Superlative, alles soll so extrem wie möglich sein. Dadurch ist unsere Sensibilität stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Und ich spüre einfach auch meinen eigenen inneren Protest gegen diese Reizüberflutung. Ich möchte mich auf neuer Ebene wieder in Situationen begeben können, die mir im Detail etwas offenbaren und nicht nur die große Katastrophe zeigen.

Kann die Kunst dazu beitragen?

Wir Künstler haben vielleicht vergessen, ein ausreichendes Gegengewicht zu setzen. Jetzt ist einfach die Zeit wieder reif, dem Auge ein Fest zu bereiten mit der Malerei. Und da ist der Akt ja schon für sich genommen spannend.

Auch bei Ihnen?

Ich habe den Beton für mich entdeckt. Das war auch ein Grund, warum ich wieder Lust auf Aktmalerei hatte. Durch dieses Material komme ich zu neuen Ausdrucksformen. Ich male mit Beton, den ich direkt neben die Ölfarbe setze, damit ein Dialog mit diesen gegensätzlichen Materialien entsteht. Ich setze ihn sozusagen auf die nackte Haut.

Wie prickelnd sind die Akte, die sie bei Ihrem Vortrag zeigen?

Ich werde aus Sicht der Künstlerin Bildbeispiele zeigen, die erklären, wie sich die Sicht der Maler im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Ich zeige etwa 25 Bilder aus der Kunstgeschichte, angefangen von Adam und Eva als Sündenfall und auch ganz erotisch. Und dann gibt es Darstellungen der Zerstörung, wo der schöne Akt nicht gefragt ist, sondern das Verwundbare gezeigt wird. Als sich der Film und die Fotografie entwickelten, die den Realismus für sich besetzten, fingen die Künstler an, abstrakt zu werden, um ein eigenes Feld aufzubauen. Die von mir ausgewählten Bilder zeigen, wie die Kunst begann, zwischen den Zeilen zu malen, um Gefühle zu wecken. Auch ein Rembrandt hat natürlich die Seele gemalt, aber durch den Einzug der Fotografie hat sich wirklich etwas verändert: Die Maler überhöhten mit Farben und Formen, spitzten Charaktere zu. Auch in der Aktmalerei.

Und heute?

Ein gewisser Realismus kommt immer wieder durch, einfach weil es eine Sehnsucht danach gibt. Aber es geht oft ins Traumhafte, Übersteigerte.

Und wie ist es mit der Scham gegenüber der Nacktheit?

Erst heute sind die Leute schamhaft geworden, komischerweise, wo alles überflutet ist mit Obszönitäten. Gerade in der DDR mit seinen FKK-Stränden gehörte die Aktmalerei ganz selbstverständlich dazu. Und jetzt: Ich war vor zwei Jahren mal wieder bei den Alten Meistern im Dresdner Zwinger und habe das wunderschöne Bild „Leda mit dem Schwan“ von Rubens gesucht. Das hängt inzwischen versteckt ganz hoch über der Tür, weil der neue Direktor aus Westdeutschland meint, dieser Akt sei sonst zu direkt fürs Publikum. So sagte es mir jedenfalls die Aufsicht. Ich war nur bass erstaunt.

Das Gespräch führte Heidi Jäger.

Morgen, 19 Uhr, Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122, Eintritt 7/erm. 4 Euro

Ulla Walter, 1955 in Meiningen geboren, studierte an der TU Dresden, war 1975 Tellerwäscherin, Heizerin, Nachtwache im Dresdner Zwinger; dann Kunststudium in Dresden und Leipzig Erschienen am 25.04.2013 auf Seite 27

„Nackt“. Gemälde von Ulla Walter, 2012, Beton und Öl auf Leinwand. Foto: promo

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