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Aus der Stille der Trübnis
von Gerold Paul

Gezeichnete und radierte Landschaften von Claudia Berg in der Galerie Ruhnke
Die Hallenser Grafikerin Claudia Berg scheint eine ruhlose, eine suchende Seele zu haben. Nach ihren Studien in Burg Giebichenstein Mitte der 90er Jahre zog es sie studienhalber an die Orte der ganz großen Kunst, die für sie in Spanien liegen, in Frankreich, Italien, den Niederlanden und – in China. Sie hat viele Arbeitsstipendien und Preise bekommen, Museen und Sammler aus halb Europa erwarben ihre Bilder. Wunderbar, nun kann man einen Teil ihres Oeuvres auch in der Galerie Werner Ruhnke bewundern. Es handelt sich um etwa 70 gezeichnete und radierte Arbeiten aus den letzten beiden Jahren, die den Betrachter mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die Welt von gestern führen.

Claudia Bergs Sepiazeichnung "Garten (Burgscheidungen)" aus dem Jahr 2011. Foto: Ruhnke

Man könnte auch verführen sagen, denn all diesen Arbeiten ist ein weiblicher Zug in der emotionalen wie künstlerischen Verarbeitung ihrer Motive nicht abzusprechen. Zarte, leise Töne im Geflecht von tausenderlei Grau oder Sepia dominieren, manchmal regiert auch der Schalk. So zeigt sie, dass „Jenzig“, der Hausberg vor der thüringischen Stadt Jena, eigentlich weder bei Sonne noch bei Regen richtig wahrnehmbar ist. Das „Residenzschloss Dessau“ genauso. Was sollten das für Gründungen sein, wenn jeder Dunst sie zu vertreiben und zu entwerten vermag? Tiefe Bildhorizonte schaffen ihr hohe Himmel, und falls die Sonne mal scheint, dann wie durch Milchglas. Sieht man im Trüben wirklich weniger als man weiß?

Die Sepia-Technik, nach dem gleichnamigen Tintentier der Meere benannt, erzeugt stets verhaltene Stimmungen. Sie steht für Patina und Noblesse, für Ernst ohne Lachen, mit ihr kann man nebelhafte Wirklichkeiten darstellen, oder verscheuchen.

So auch bei Claudia Berg. Was ihre Seele seit 2010 suchte und begehrte, zeigt diese Ausstellung an. Es trieb sie nach Mosigkau, in den Ilmpark, in die alten Schlösser Oranienbaum, Köthen, Wörlitz, Bernburg und eben nach Jenzig bei Jena. Dorthin, wo sich historisierende Hermen und das hochgewachsene Gras von heute exemplarisch begegnen. Oder in verwilderte Parks, auf urige Feldwege ganz weit draußen. Was sie findet, bleibt unscharf, was sie schafft, ist lesbar als Erscheinen oder Verschwinden im Dunst, meilenweit vom Illustrativen entfernt. Eher Kommentar. Zu ihren Sujets gehören aber nicht nur die wilde Seite der Natur, alte Friedhöfe und der lächerliche Charme alter Schlösser. Im hinteren Galerieraum, wo mehr als 30 Zeichnungen en bloc gehängt sind, wird auf zwei größeren Bildern just die gute alte Zuckerrübe verehrt!

Als Grafikerin denkt Claudia Berg weniger in Widersprüchen als in Kontrasten. Die ausgestellten Kunstbücher zur Lyrik von Goethe, Eichendorff und Heine zeigen ja geradezu exemplarisch, wie nötig Spitzenkräfte so etwas brauchen. Auf die preußischen Kleingrafiken, Kleist, Kant, Friedrich II. und andere trifft das allerdings nicht zu, bei ihnen handelt es sich um wenig glaubhafte Kopien bekannter Originale. Alles andere ist eigentlich groß und interessant, und mit der Lappalie „Morbide Schönheit“ nicht zu erreichen, Claudia Bergs Bilder ziehen ihr Alibi nicht aus der Schönheit, eher aus der Stille der Trübnis, aus dem oft kaum wahrnehmbaren Braun (Melanin!) des Grundtons, aus dem Spiel mit dem Material, aus dem Kommen oder Gehen, aus dem Fragment. Ihre Bilder sind geräumig, jeder findet darin seinen Platz, zum Interpretieren, Kontemplieren, zum Ergänzen dessen, was sie absichtsvoll weggelassen hat. Nichts da vom „Verschwinden der Welt in den Bildern“, hier verabschieden sich die Bilder (mit manchmal grobem Strich) von ihr, von der Welt!

Das Publikum sieht solche Dinge gern, so Werner Ruhnke, dessen Galerie aller Gegenwartskunst weit offen steht. Fällt Bergs traditionsverdächtiges Oeuvre da nicht aus dem Rahmen? Keinesfalls. Ihre Seele ist ja noch unterwegs, sie selbst nicht von Gestern, ihr Werk wirkt durchaus modern – und ihre Denkart, tja die ist vielleicht erst von morgen.

Zu sehen bis morgigen Sonntag, dem 24. Juni, 14 bis 18 Uhr, Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122

Erschienen am 23.06.2012 auf Seite 05

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