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Die Kunst des Weglassens

Bettina Blohm und Susanna Niederer mit zarten Bildern und Skulpturen in der Galerie Ruhnke

Ganz weiblich kommt die Galerie Ruhnke daher. Zart sind die Farben, eiförmig manche Gebilde und zurückhaltend die Werke von Bettina Blohm und Susanna Niederer. Ganz so, als gäbe es tatsächlich einen Wesensunterschied zwischen Männern und Frauen.
Beide Künstlerinnen sind in unserem Raum noch nicht sehr bekannt, dafür hängen ihre Arbeiten aber in internationalen Galerien, so in den USA, Italien und der Schweiz. Betritt man die Potsdamer Galerie Ruhnke, fällt ein über dem Boden schwingendes Glocken-Ensemble auf, das Susanne Niederer ganz knapp über den Boden gehängt hat. "Gong-Hang P9" nennt sich diese Installation, die, sobald sie durch Lufthauch oder mechanische Bewegung ins Schwingen versetzt wurde, leise klingende Töne von sich gibt. Wieso man die aber so tief unten suchen und hören muss, bleibt ein Rätsel. Vielleicht, damit sich der Betrachter dem Werk auch ganz und gar hingibt, indem er sich zu ihm niederbeugt und so gleichzeitig eine Geste der Ehrerbietung vollführt. Weitere Klangfiguren versteckt Niederer in der ellipsenförmigen "Auster". Da liegt das eiförmige, ganz und gar nicht an eine Auster, sondern an ein goldenes Straußenei erinnernde Etwas auf seinem Sockel und tut unschuldig. Dabei kann auch "es", dank eines Luftschlitzes, Töne produzieren.

Dass die 1958 geborene Susanna Niederer, die in der Schweiz wohnt und arbeitet, an den natürlichen Formen ihrer Umgebung abstrakten Gefallen findet, zeigt sie mit ihren kleinen Skulpturen "Bäume" und "Wäldchen". Schwarz ist die Bronze, aus der die Bäumchen ihres Wäldchens bestehen und miteinander in fröhlichem Dialog vertieft sind. Sie sehen ein bisschen aus wie Löffel, die aber eben auch Bäume sein könnten, wenn sie, eine kleine Fläche auf der Wiese beanspruchen und wie eine schwatzende Menschengruppe wirken. Die Künstlerin arbeitet auch auf Papier, wobei sie mit wenigen Strichen aus (meist einfarbiger) Tusche eine Art Japanästhetik zelebriert, die der Leere viel Raum einräumt. Ob das "O-Q2" heißt und aus zwei roten, scheinbar aus der Hand schnell gezeichneten kreisförmigen Gebilden besteht, wovon eines nicht ganz geschlossen wurde, oder ob es schwarz daherkommt und "EME D1" heißt: eine große Rolle spielt immer der Zwischenraum. Das ist das, wo alles passiert, die Linien und Formen sind nur dazu da, diesem Da-Zwischen eine Existenz zu geben.

Auch die schon seit mehr als zwanzig Jahren in den USA lebende, in Hamburg geborene Künstlerin Bettina Blohm verzichtet auf die große Geste. Sie nimmt von den Landschaften, die sie zeichnet, weg, was sie für überflüssig hält und lenkt durch diese Reduktion die Aufmerksamkeit auf das ihr wesentlich Erscheinende: Black Dust No. 25 und 35 zeigen so die Bergkuppen nur mehr als Umrisse, einmal rund und einmal ziemlich eckig, aber immer harmonisch und, ja, schön. Auch wenn der dunkle Dunst durch Kohlestift darüber gelegt wurde. "Saratoga" heißt eine Radierung, die den Bergzug im Hintergrund hell gegen die ganz dunkel davor stehenden Bäume abbildet – und dadurch eine Verbindung zu dem "Wäldchen" von Susanna Niederer schafft. Eine Korrespondenz, die wahrscheinlich erst durch die gemeinsame Ausstellung entstanden, aber umso reizvoller ist. Ebenfalls beiden Künstlerinnen gemeinsam ist die vollkommene Abwesenheit von Menschen, die man zwar als Beobachter hinter den Bildern erahnen, aber niemals sehen kann.

Die 1961 geborene Bettina Blohm zeigt in an Kinderzeichnungen erinnernden, scheinbar leicht mit Farbstiften hingeworfenen Landschaftsabstrakta Elementares: hier ein blaues, dort ein dunkler blaues Farbfeld, die Wolken- und Meeresähnlichkeit aufweisen, darunter nur angedeutet die Landschaftsformationen mit grauem Stift. Oder die grünen und braunen Felder in "Delaware", die ebenfalls durch die Kunst des Weglassens ihre ästhetische Kraft entfalten. Daneben wirken ihre komplett ausgemalten Öl-auf Leinwand-Arbeiten, "First Light", "Colouring" und "Blue, Aqua, Blue" gerade deshalb weniger, weil mehr Farbe darauf ausgebreitet ist. Auf jeden Fall zwei reizvolle, durchaus weibliche Positionen.

Bis 11. November, Galerie Ruhnke, Hegelallee 41, Do-Fr 14-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr.

Konzert am 26. Oktober, 20 Uhr: Christine Wolff und die Gitarristin Juliane Tief präsentieren ihr Programm "Primadonna" mit Arien, Liedern und Chansons aus drei Jahrhunderten.

Lore Bardens

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