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Teure Schnipsel
von Steffi Pyanoe

Vier Jahrzehnte "Papier konkret" in der aktuellen Ausstellung in der Galerie Ruhnke
Papier ist geduldig, wird oft gesagt. Gemeinhin ist hier vom Datenträger die Rede, das funktionelle Material, das stumm und gleichmütig sein Benutztwerden erträgt, sich Informationen welcher Art auch immer aufbürden lässt, speichert, abrufbereit hält. Ein uraltes Material, dem Innovationsfluss der Menschheit abgerungen, einst kostbar handgeschöpft, heute Massenprodukt einer Wegwerfgesellschaft. Vom geschätzten und Jahrhunderte überdauernden Druckwerk bis zum kurzlebigen Werbeträger.

Beziehung von Raimer Jochims. Foto: galerieruhnke

Dass Papier nicht nur als Schreibunterlage dienen kann, sondern ebenso als Material der Bildenden Kunst, möchte die neue Ausstellung in der Galerie Ruhnke vermitteln. "Papier konkret" vereint Werke von zehn Künstlern, die in unterschiedlichster Manier mit diesem Ausgangsmaterial gearbeitet haben, zusammengestellt von Jo Enzweiler, künstlerischer Leiter der Galerie St. Johann in Saarbrücken. Die neue Schau ist die dritte in Kooperation mit St. Johann; von Potsdam aus wird sie anschließend in Heidelberg zu sehen sein.
"Die Vertreter der Konkreten Kunst fühlen sich als Erben der Bauhaus-Idee", sagt Werner Ruhnke. Entstanden sind die Werke zum Teil in den Siebzigern/Achtzigern, die meisten jedoch stammen aus den vergangenen fünf Jahren. Dennoch passen sie gut zueinander, das Spektrum der Herangehensweise ist breit gefächert und ergibt ein gefälliges Ganzes. Und doch kann man sich – auf den ersten Blick – einem Eindruck nicht verwehren, es hätte hier eine Montessori-Schulklasse gebastelt. Aber das ist eben nur der erste Eindruck, man muss schon genauer hinschauen um zu entdecken, mit welcher Hingabe, Präzision und verwirrender, stoischer Disziplin die einzelnen Objekte entstanden sind. Ein Blick in die Preisliste lässt derweil erschaudern: alles ganz ordentliche, vierstellige Beträge, nur den Kartoffeldruck von Jo Enzweiler gibt’s für 650 Euro. Bis 1999 Professor für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Saar, seit 1960 Mitglied der Künstlergruppe "neue gruppe saar", in der auch Oskar Holweck (1924-2007) beheimatet war.
Holweck arbeitete fast ausschließlich mit Papier, nutzte besonders die Reißtechnik, um seinem Werkstoff neues Potenzial einzuhauchen. Sein "Reißrelief" ist ein kleines, aber mit 500 leeren, weißen Seiten dickes Buch: Ein Glasrahmen schützt das aufgeschlagene Gebilde, dessen rechte Seite eine große, wütende Wunde zeigt, einem Durchschuss ähnlich, die Seiten verbogen, aufgebogen, verletzt. Unbrauchbar geworden, eine schmerzende Verschwendung. Für knapp 10 000 Euro das teuerste Werk.
Auch Eva Niestrath-Berger hat sich des leeren Blattes angenommen: Zwei selbst geschöpfte, blass-graue Bögen sind in kleinsten Abständen mit akribisch gearbeiteten Perforationen versehen. Mit teilweise gerissene Linien kombiniert und reihenweise angeordnet, erinnert das Gesamtbild an antike Schriftzeichen, ägyptische Hieroglyphen. Ganz anders hat Ole Müller den Werkstoffs verarbeitet, der danach so gar nicht wie Papier aussieht: Stapel von bis zu 100 Seiten verleimt und mit 40 Tonnen gepresst, getrocknet und lackiert ergeben schlussendlich ziegelsteingroße Objekte mit marmorierten Oberflächen. Nur bei genauem Hinsehen verrät sich die Herkunft: Verwaschene Rudimente von Schrift, oft von farbigen Elementen überlagert, lassen auf Druckerzeugnisse schließen, einst Altpapier oder Werbeflyer, denen Müller mit seiner aufwendigen Metamorphose eine Veredelung zukommen lässt. Collagen aus sorgfältig angeordneten Schnipseln, akkurat gefaltete Büttenbogen, die im Übereinander geometrische Motive ergeben, weich gelegte Papierbahnen wie Tapezierabschnipsel in ein Quadrat eingebettet, komplettieren die Werkschau, ebenso Grafiken mit Tusche und Reißarbeiten, deren Zufälligkeit mit strengen quadratischen Grundmustern kollabiert. Dazu spendiert Ruhnke drei Enzweiler-Prägedrucke aus eigener Sammlung, kombiniert mit Versen von Eugen Gomringer, die das Betrachten in eine bildhafte, konkrete Sprache übersetzen. Steffi Pyanoe

"Papier konkret" in der Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122, bis zum 30. Oktober, donnerstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr
Erschienen am 20.09.2011 auf Seite 23

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