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Kein ästhetischer Zoo

So war das mit der Kunst in Ostdeutschland


Als bildende Künstler gingen sie in der DDR in den 80er Jahren an den Start. Zwei von ihnen nach einem Kunststudium in Berlin-Weißensee, der dritte von Leipzig aus, nach seiner Zeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Am Donnerstag Abend sitzen Frank Gottsmann, Michael Arantes Müller und Stephan Velten entspannt vor ihren Werken im Potsdam Museum, zwischen ihnen Museumsdirektorin Jutta Götzmann und Galerist Werner Ruhnke. Beide haben die aktuelle Ausstellung "Freiheit der Idee. 7 mal Kunst vor '89" kuratiert und zum öffentlichen Gespräch mit den drei Künstlern geladen.

Im Laufe des Abends werden viele Fragen und Themen angeschnitten. Über all dem schwebt das verständliche Bedürfnis, die Produktionsbedingungen, unter denen Kunst zu DDR-Zeiten entstand, 20 Jahre später neu, zum Teil aber auch erstmalig zu sichten. Nicht wenige der im Rahmen der Ausstellung zu sehenden Arbeiten waren damals öffentlich nicht zu sehen. Ziemlich rar waren die Gelegenheiten, die eigene Kunst im größeren Kontext zu zeigen. Galerien gab es so gut wie kaum. In das Privileg öffentlicher Ankäufe für die Sammlung eines Museums sind nur wenige gekommen. Auf diese Weise gelangte in den achtziger Jahren unter anderem von Stephan Velten und Frank Gottsmann eine Reihe von Kunstwerken in die Galerie sozialistischer Kunst des Potsdam-Museums.

Trotz erschwerter Ausstellungsbedingungen nagte zu Ost-Zeiten jedoch kaum ein Künstler – so wie es heute nur allzu oft der Fall ist – am Hungertuch. So war die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler der DDR mit der Auszahlung einer Art befristeten Leibrente verbunden, welche die Existenz der Künstler in den ersten drei Jahren ihrer Berufsausübung finanziell absicherte. Der heute materiell auf Künstlern lastende Druck wiegt – das bestätigen alle drei Künstler im Laufe des Gesprächs – unterm Strich vergleichbar schwer wie die Unbilden der damaligen politischen Diktatur.

"Wir konnten alles machen", sagt Michael Arantes Müller, und bezieht sich dabei nicht nur auf die Situation der Hochschule in Leipzig, sondern auch ganz allgemein auf das, was für Künstler in der DDR ganz konkret möglich war. Sogar reisen dürften sie: zu Tagungen oder auf Besuch zu ihren westdeutschen Tanten - hochwillkommene Anlässe, um den einschlägigen Museen lange Besuche abzustatten. Durch den Kontakt mit Originalen vermochten sie – das vermittelt die Rückblende an diesem Abend deutlich – eine Menge von dem, was sie an anderer Stelle einschränkte, zu kompensieren. Die Auseinandersetzung mit formalen und ästhetischen Entwicklungen in der Kunst hatte östlich der Mauer eine ganz enorme Bedeutung. Diffamierende Unterstellungen mancher West-Experten, denen zufolge sich die Künstler der DDR in einem "ästhetischen Zoo", in einer Art kulturellem Vakuum befanden, erübrigen sich hier. Einem weiteren Missverständnis zufolge sehen viele die in der DDR entstandene Kunst primär als Reaktion auf das damalige politische System. Das öffentlich propagierte Ideal des sozialistischen Realismus in der bildenden Kunst war jedoch nicht wirklich zwingend. Alternativen künstlerischer Formulierung boten unter anderem die Abkehr von der figürlichen Darstellung oder aber das Arbeiten mit Metaphern. Auch der Rückzug ins Private war für viele Künstler ein authentischer Weg.

Ob sie sich eigentlich noch als "Ost-Künstler" fühlen würden, so eine Frage am Ende des Gesprächs. "Ich fühle mich eher als europäischer Künstler", antwortet Michael Arantes Müller. Eine Unterscheidung zwischen Künstlern made in Ost oder West ist – so die frohe Botschaft des Abends – 20 Jahre nach dem Fall der Mauer einfach hinfällig geworden. Almut Andreae

© Potsdamer Zeitungsverlagsgesellschaft mbH & Co. KG

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