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Potsdam • Kultur
Dienstag, 19. Juli 2005

Einladung in eine andere Welt
Christian Heinrich und Klaus Reincke in der Galerie Ruhnke

Ganz friedlich und unerkannt, ein wenig einsam steht sie im Hof der Galerie Ruhnke bei den Pflanzen, die menschengroße eiserne "Nike" von Klaus Reincke, fast so, als sei sie kontaktarm. Dafür aber verfügt sie über klare Formen und eine scheinbare Leichtigkeit, die einen lakonischen Charme entfalten, der auch den anderen eisernen oder bronzenen Skulpturen des Bildhauers eigen ist. Drinnen nämlich liegen, stehen und sitzen sie allenthalben, die "Liegende" liegt längelang und superschlank, die "Loreley" hakelt sich an ihrem Untergrund mit spitzer Hacke fest. Ein Wunder, dass sie nicht den Berg hinabstürzt. Die "Angewinkelten" sitzen nahebei und ruhen sich von ihrer gymnastischen Anstrengung aus, die allerdings, wie bei allen Körper beherrschenden Profis, leicht wirkt. Das "Mädchen mit wehendem Haar" wird fast umgeblasen vom Wind, bleibt aber gerade, stolz und felsenfest stehen, auch wenn das Haar sich wie eine Fahne nach hinten reckt.

Diese scheinbar ruhigen, allen äußeren und inneren Erschütterungen graziös trotzenden Eisen- und Bronzegebilde von Klaus Reincke gehen in der Ausstellung des Hauses Ruhnke mit den Ölcollagen von Christian Heinrich eine friedliche, manchmal heitere Koexistenz ein. Bescheiden und ruhig, aber bestimmt bewachen die Skulpturen die sehr grazil-ästhetischen Gemälde von Heinrich. Im Ergebnis erlebt der Besucher ein harmonisches Ensemble, eine anmutige Gelöstheit, die selten ist in unserer hektischen Welt. Heinrichs Bilder leben aus der Komposition sorgfältig aufgetragener Farb- und Materialschichten, die in den wenigsten Fällen gegenständlich wirken. Die Titel wie "Weg zum Erfolg", "Marsspuren", "Die Geburt der Stille" oder "Die Geburt der Zeit" liefern eine poetische Interpretationshilfe, der man folgen kann, aber nicht muss. Meist arbeitet der in Berlin lebende, von Reisen geprägte Künstler mit Braun- und Gelbtönen, Rostspuren und manchmal sandigem Material. Immer werden die Formen von einer strengen Hand im Zaum gehalten, nur an den Rändern innerhalb des Bildes dürfen sie mal ausfransen, ein Stückchen weiterlaufen. Sanft ist die Begrenzung der Emotion, aber deutlich. Wie zart sich verschlingende Moränen aus einer ganz anderen Zeit wirken manche Bilder, neuartig und doch vertraut. Da er meist auf einen konkreten Inhalt verzichtet, verselbständigen sich Farbe und Form, der Blick dringt ein und verliert sich, wird weiter und taucht wieder auf aus einer unendlich scheinenden Welt, die ganz ohne vorgefasste Bedeutung auskommt. Heinrichs Werk entzieht sich dem schnellen Blick, der Definition, der schablonenartigen Einordnung. Alleine muss der Betrachter den Sinn finden, erlebt Schwingungen seiner Seele – vielleicht als Korrespondenz zu den Arbeiten, vielleicht als Gleichklang, ohne in bejahenden Einklang versinken zu können. So erlauben sie eine Weite des Horizonts, ohne ihn zu bedrängen und ermöglichen eine Kontemplation, der man sich hingeben muss, um sie zu erleben. Sie sind der Kontrapunkt zur Welt des schnellen Fernsehbildes, der hektischen Emotion, der gezappten Wirklichkeit. Die Ausstellung ist eine Einladung zum Seelenspaziergang, zum Abtauchen in jene Tiefen, die der Muße bedürfen, um wahrgenommen zu werden.
Lore Bardens


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