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Ressort: Potsdam Kultur

Zwei verschiedene "Paar Schuhe" – seelenverwandt

Fotografien von Loredana Nemes und Skulpturen von Gisela von Bruchhausen in der Galerie Ruhnke

Skulptur und Fotografie sind streng betrachtet zwei verschiedene Paar Schuhe. Eine Allianz zwischen ihnen beiden zu bilden, war es dem Galeristen Werner Ruhnke dennoch allemal wert. Sein Konzept, Arbeiten der Bildhauerin Gisela von Bruchhausen und der Fotografin Loredana Nemes, in Berlin bzw. Werder/Havel ansässig, in einer Ausstellung zu vereinen, hält im Ergebnis jedem Urteil stand. In der inneren Sammlung und Konzentration, die sowohl die Schwarz-Weiß-Fotografien von Loredana Nemes (Jahrgang 1972) als auch die überwiegend schwarz gefassten Stahlskulpturen Gisela von Bruchhausens (Jahrgang 1940) ausstrahlen, wirken beide Künstlerinnen seelenverwandt. Der Weg, den eine jede auf ihre Weise im künstlerischen Prozess beschreitet, könnte freilich kaum unterschiedlicher sein.

Loredana Nemes präsentiert sich in der Ausstellung mit Bildern aus ihrer Serie "Under Ground", an der sie zwei Jahre unentwegt gearbeitet hat. In dieser Zeit ist sie in verschiedene Metropolen dieser Welt zwischen New York und Moskau gereist, um sich ausschließlich im Untergrund - heißt in der U-Bahn - ein Bild von den Menschen dieser Städte zu machen. Die Minuten, da man in der U-Bahn für eine unbestimmte Zeit mit den anderen Fahrgästen konfrontiert ist, hat in der jungen Fotografin eine Leidenschaft dafür entfesselt, diese einmalige Begegnung mit dem unbekannten Gegenüber und damit die Authentizität des Augenblicks in einfühlsamen Schwarz-Weiß-Porträts zu dokumentieren. Den Akt des Fotografierens vollzieht Nemes in aller Diskretion, ohne deswegen mit versteckter Kamera zu arbeiten. Sie liebt es, "wenn die Leute bei sich bleiben", und vielleicht liegt die besondere Magie dieser Bilder genau darin, dass dem modernen Großstadtmenschen dieses Bei-sich-Bleiben am ehesten möglich ist, wenn er sich im Zustand des Unterwegs-Seins befindet und in einer Art Übergangssituation.

In den ausgestellten Bildern der Serie "Under Ground", die in einem in Kürze erscheinenden Fotobildband vollständig zu sehen sein werden, werden Loredana Nemes’ Porträts von "Stadtnomaden" mit ihrem in sich versunkenen Blick zu Stillleben und ihre in Sequenzen festgehaltenen Begebenheiten aus den U-Bahnen dieser Welt zu kleinen Geschichten, die den Betrachter unwillkürlich hineinnehmen in das Geschehen.

Die bildhauerischen Arbeiten Gisela von Bruchhausens greifen die kontemplative Konzentration dieser – auch handwerklich brillanten – Handabzüge der Fotografin geradezu kongenial auf. Ihre Skulpturen und Wandreliefs aus Stahl wie auch ihre Papiercollagen sind formvollendeter Ausdruck ihrer individuellen "plastischen Sprache", mit der die Künstlerin ihre Gefühlswelt und ihre Beziehung zur Welt übersetzt. Gisela von Bruchhausen arbeitet stets intuitiv und lässt sich dabei leiten von ihrem Gespür für Form und Gewicht, Spannung und Balance, Masse und Struktur. Ihr bevorzugtes Material ist Stahl "wegen seiner Geschmeidigkeit, seiner Spannkraft und der Möglichkeit, Verbindungen und Beziehungen zu schaffen, die in einem anderen Material kaum möglich wären". Seit einigen Jahren verwendet Gisela von Bruchhausen für ihre Klein- und Großplastik frischen Plattenstahl, den sie nach vorher gefertigten Modellen zuschneidet, in sich dreht, biegt und kippt. Zum Schluss wird die Stahlskulptur noch verzinkt und – meist monochrom schwarz, höchstens jedoch zweifarbig – bemalt. Der Aufbau – man könnte auch sagen die Montage – einer Skulptur oder eines Reliefs folgt dem inneren Empfinden der Künstlerin dafür, wie sich die einzelnen Teile zueinander verhalten und am stimmigsten in Beziehung zueinander setzen lassen. Dabei lässt sich die Bildhauerin immer aufs Neue auf einen Spagat zwischen der im Ergebnis angestrebten inneren Balance und dem, was sie als "harmonisches Ungleichgewicht" bezeichnet, ein. Aus dem spannungsvollen Spiel ihrer feingliedrigen Skulpturen mit Zwischenräumen und Negativformen, gepaart mit den für die Künstlerin charakteristischen Drehungen und a-tektonischen Fügungen, ergibt sich eine innere Rhythmik und Dynamik, die dem musikalischem Erleben vielleicht am nächsten kommt.

Unterschiede und Parallelitäten zwischen den bildhauerischen und fotografischen Arbeiten auf jeweils höchstem künstlerischem Niveau zu entdecken, machen die Ausstellung sehenswert.

Almut Andreae

Geöffnet bis zum 4.3., Do-So 14 -19 Uhr, Hegelallee 41

© Potsdamer Zeitungsverlags GmbH & Co.

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