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Papier mit Schellack und Widerstände auf Draht

Organische Plastik von Marina Schreiber in der Galerie Ruhnke

Bizarre Gebilde aus kunstvollem Drahtgeflecht besetzen die Galeriewände. Ihre feingliedrige Netzstruktur scheint einem komplexen inneren Bauplan zu folgen. Fragile Artefakte, geflochten und gezwirbelt aus Elektrodraht. Verblüffend die Verwandtschaft mit Lebensformen aus der Tiefsee und mit Kleinstlebewesen, die nur mikroskopisch darstellbar sind. Korallen und Quallen, Schneckengebilde, längliche Trichter, pulsierendes, sanft fächelndes Leben und geheimnisvolles Flimmern, wohin das Auge blickt. Die dem Leben abgelauschte Bewegung freilich ist erstarrt in kunstvoller Ästhetik. Jeder dieser minutiös gearbeiteten Organismen möchte genauer betrachtet werden. Der zellenartige Aufbau der durchscheinenden Hohlkörper treibt einen schier Diese „Tiefsee Organismen“ verdanken ihre Existenz nicht ganz unwesentlich dem Elektrofachhandel. Die Farben- und Formenvielfalt elektronischer Bauteile hat es der Bildhauerin und Objektkünstlerin Marina Schreiber sichtlich angetan. Widerstände, gefädelt auf Elektrodraht, gehen mit Perlen und Pailletten attraktive Verbindungen ein. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. In einer Skulptur gesellen sich auch noch bunte Knöpfe dazu. Ein kürzlich entstandenes Objekt aus Papier hat die Künstlerin gar rundum mit Streurasen bedeckt.

Die Artenvielfalt aus der Serie „Tiefsee Organismen“ bevölkert zwei Räume in der Galerie Ruhnke. „Der schwebende Garten“ hat die in Betzin bei Fehrbellin lebende Bildhauerin ihre in der Hauptsache mit Skulpturen und Objekten bestückte Einzelausstellung genannt. Ein paar kleinformatige abstrakte Farbkompositionen auf Leinwand belegen, dass die gebürtige Hannoveranerin auch Malerin ist. Ihrer ausdrucksvollen plastischen Arbeit halten sie indes in keiner Weise stand.

Vier Objektkästen im Durchgang zum Innenhof der Galerie, in dem sich eine Außenskulptur der Künstlerin gut gemacht hätte, vermitteln zwischen Zeichnung und dreidimensionaler Arbeitsweise. Einerseits lässt sich Marina Schreiber während ihrer Arbeit am konkreten Objekt gerne treiben und vom Ergebnis überraschen. Die Präzision ihrer Konstruktionen gerade in der Drahtskulptur setzt gleichwohl detaillierte Planung und vorbereitende Zeichnung voraus.

Eine noch vergleichsweise neue Richtung in ihrem bildhauerischen Werk weist die Serie „Schwämme“ mit Arbeiten der Jahre 2008 bis 2010. Hier wird das Papier, das auch bereits in einigen Drahtskulpturen Verwendung fand, zum gestalterischen Grundmaterial. Seidenpapier oder Altpapier bildet die Außenhaut für organische Formen. Formbare Luftballons sorgen für die individuelle Anatomie, Schellack für das matt glänzende Finish. Diese meist farbfrohen Variationen der „biomorphen Abstraktionen“, wie Marina Schreiber ihre Schöpfungen nennt, erscheinen wie temperamentvolle Geschwister der zarten Gebilde aus Draht.

Obwohl sie vom Eindruck her massiver erscheinen, sind diese Hohlkörper ähnlich leicht wie Pappmaché. Während die Arbeiten aus Draht sehr nah am Modell meeresbiologischer und mikrobiologischer Lebensformen dranbleiben, entspringen die Objekte aus geschellacktem Papier sehr viel mehr der freien Phantasie. Am ehesten erinnern sie noch an die amorphen Formen innerer Organe. Die spürbare Lust der Künstlerin am Experiment, an der Kreation ganz eigener Formen teilt sich in der spielerisch wirkenden Serie „Schwämme“ sehr ursprünglich mit. Aus der Transparenz der filigranen Drahtskulpturen spricht eine gänzlich andere Sinnlichkeit als aus den Papierobjekten, die in munterer Farbigkeit und prallen Rundungen schwelgen. In manchen Arbeiten gehen Drahtgeflecht und papierne Ballonformen eine ungewohnte Bindung ein. Die Fülle existierender Lebensformen beflügelt die Inspiration der Künstlerin. In ihrer Arbeit lotet Marina Schreiber aus, was an Formenvielfalt – ob nun sichtbar oder unsichtbar – vorstellbar ist und nach weiterer Schöpfung verlangt. Almut Andreae

Noch bis zum 5. Juni, Do-So 14-18 Uhr, Charlottenstraße 122.
Am Donnerstag, 19 Uhr:
Vortrag von Klaus Hausmann zum Thema „Mikrokosmos. Entdeckung des Unsichtbaren“ (Eintritt: 5, ermäßigt 3 Euro)

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