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Potsdamer Neueste Nachrichten, 17.06.2015


"Die Entfremdung konterkarieren"
Mensch und Mechanik, Angst und Freiheit greifen
in der Ausstellung der Galerie Ruhnke ineinander

von Ariane Lemme

Den ewigen Widerspruch akzeptieren. Nichts weniger fordert Monika Müller-Klugs Skulptur: „Hide your heart and dare to dance“ heißt ihre Arbeit, versteck dein Herz und trau dich tanzen. Aber wie soll das gehen, weniger verbergen als beim Tanzen lassen sich Gefühle ja gar nicht. Und ohne Mut bewegt sich nichts. Eine elegante Lösung für diese Dialektik hat Monika Müller-Klug gefunden. Sie hat zwei ochsenblutrote Greifarme an den weißen Rumpf ihrer Skulptur montiert, durch Scharniere biegsam gemacht. So lassen sie sich ausbreiten wie Arme beim Tanzen, oder um die verletzliche, die schwarze Stelle des Rumpfs schlingen, und den Widerspruch verbergen.

Schwarz, weiß und rot, daraus ist die ganze Schau gemacht, die sich Monika Müller-Klug in den Räumen der Galerie Ruhnke derzeit mit Pomona Zipser teilt. Beide Künstlerinnen kannten sich vorher nicht, erst Werner Ruhnke brachte sie zusammen – was deshalb erstaunlich ist, weil ihre Arbeiten dieselbe Sprache zu sprechen scheinen. Bei beiden liegt die Kunst vor allem darin, dass sie scheinbar Gegensätzliches mühelos vereinen: wuchtig und leicht zugleich sind ihre Formen, sie erinnern an Industriebrachen, schwere Werkzeuge, an Hammer, Amboss und Sichel – und dann wieder an Zweige, Äste, Lebendiges.

Es ist fast, als hätten sie ein altes, marxistisches Ideal in Kunst umgesetzt – oder anders gesagt, die entfremdete Arbeit konterkariert. Alles greift hier ineinander, ohne einander Zwang anzutun. „Mein Großvater“, sagt die 1937 in Bremen Geborene, „war Mühlenbauer.“ Damals ließ sich noch mit bloßem Auge nachvollziehen, wie die Technik funktioniert. Daher ihr Faible für Zahnräder, kleine, perfekte Mechanik, die sie heute in kaum bearbeitete Holzblöcke einbaut, Natur und Technik werden bei ihr eins.

Das, so Monika Müller-Klug, liege vielleicht daran, dass sie immer mit fiktiver Bewegung – eine andere ist bei nun mal per se immobilen Skulpturen kaum möglich – arbeite. Und Bewegung treibt eben beide an: Mensch und Maschine. Sie ist, so könnte man hinzufügen, das Geheimnis von allem.

Etwas Kreatürliches haben übrigens auch die riesigen Scherenschnitte von Pomona Zipser. Eine marxistische Idee, eine kommunistische Ästhetik will die 1958 in Rumänien geborene Künstlerin zwar nicht in ihren Arbeiten erkennen. Aber ähnlich wie bei Monika Müller-Klug suggerieren auch sie eine Funktion, die sie natürlich nicht haben. Kunst, das ist ja der Clou, wäre keine, wenn sie praktischen Nutzen hätte. Pomona Zipser bringt die ewige Frage, wie man dann überhaupt Kunst machen kann, ganz lässig auf den Punkt: „Beim Machen muss ich mir Regeln und Kriterien ausdenken, die erklären, warum meine Formen so und so sind.“ Wenn das hinterher erkennbar werde, dann haben ihre Werke eine Ersatzfunktion – und sind dann, so ihre Definition, auch gute Kunst.

Das heißt mit anderen Worten auch: Diese großen Flächen schwarzen Papiers müssen nur ihren eigenen, keinen Fremdansprüchen genügen, allein daraus beziehen sie ihre Existenzberechtigung. Da wäre etwa dieses monströse schwarze Gefährt, das auf einem ihrer Scherenschnitte zu erkennen ist. Es scheint über ein paar schon gebrochene filigrane Räder hinwegzudonnern, getrieben von einer geheimnisvollen Formel, die ihm in die Stirn geritzt ist. Oder ihre Arbeit „Freundeskreis“, eine schwarz-weiße Aquarell-Zeichnung, die auf den ersten Blick eher an ein ratterndes Fließband erinnert. Menschen erkennt man schon, aber die werden in diesem Kreislauf gezerrt, absurd gedehnt, müssen sich mit schwachen Ärmchen festklammern, um nicht rauszufliegen.

„Den Impuls für meine Arbeiten geben eben Dinge, die mir passieren“, sagt Pomona Zipser. Eine Person, die ihr auf den Pelz rückt, sie bedrängt. Für solche Zustände sucht sie dann eine Übersetzung in Papier. Nicht eins zu eins, natürlich. In der Collage kann aus dem Gefühl ein Hammer werden, der auf etwas einschlägt, eine Flüssigkeit, die in etwas eindringt, oder ein anderes Ding, das einem Anderen Gewalt antut.

Gegen ein bisschen perfide Ironie hat sie dabei offenbar nichts. „Retter“ heißt eine andere Aquarell-Zeichnung. Zu sehen ist: eine in Stellung gebrachte Rakete, gerichtet auf ein spielzeugkleines Flugschiff. Und man fragt sich: Wer rettet hier wen? Aber so einfach ist die Antwort im Streit zwischen den alten Antipoden Sicherheit und Freiheit eben meist nicht – genauso wenig wie in Monika Müller-Klugs zu Beginn der Ausstellung gestellten Frage: Hosen runter – oder Herz verschließen?



Erschienen am 17.06.2015

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