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Potsdam-Kultur

Von Almut Andreae
Ästhetik des Verzichts

Skulpturen von Armin Göhringer und Malerei von Rainer Nepita in der Galerie Ruhnke
Die horizontalen und vertikalen Verstrebungen verflechten sich zu einer gitterartigen Struktur. Ihre kantigen, manchmal ungelenken Bewegungen rühren vom spröden Holz her, dem sie entspringen. Im Wesentlichen braucht es für den Bildhauer Armin Göhringer nichts als eine Säge, um aus dem Holzrohling solch ein kunstvolles Flechtwerk herauszuholen. Das Blatt einer Kreissäge, um es genau zu sagen, und die entsprechend profunde Erfahrung. Die Kettensäge ermöglicht ihm, seine Gestaltungsideen noch am konsequentesten umzusetzen. Kostproben davon sind derzeit in einer Ausstellung der Galerie Ruhnke zu sehen. Für Göhringer und seinen Künstlerfreund Rainer Nepita, dessen Malerei die Skulpturen flankiert, ist es eine Premiere in doppeltem Sinne. Obwohl sich die beiden Künstler aus dem Schwarzwald (beide Jahrgang 1954) schon seit 20 Jahren kennen, stellen sie im Rahmen ihres Gastspiels in Potsdam und Umgebung überhaupt zum ersten Mal gemeinsam aus.

Was die Kunst der beiden verbindet, ist eine offensichtliche Neigung zur Reduktion. Dem Weglassen und Aussparen von Materie beim Bildhauer steht beim Maler die Verknappung konkreter Eindrücke in zeichenhafte Kürzel gegenüber. Beide beziehen – wenn auch auf gänzlich verschiedene Weise – die Farbe als Ausdrucksmittel mit ein. So ist Armin Göhringer vor einigen Jahren dazu übergegangen, den Werkstoff Holz, mit dem er bevorzugt arbeitet, zu schwärzen. Das Schwarz verändert den Ausdruck der Holzskulptur, macht sie strenger, auch weil dadurch die Kontraste stärker wirken. Das Arbeiten mit Kontrasten ist für Göhringer wesentlich. Deutlich lässt sich das in dem konstant thematisierten Dualismus von Materie und Hohlform, von Masse und Zwischenraum nachvollziehen. Gewagte Konstruktionen, in denen der Bildhauer der Gesetzmäßigkeit von Stütze und Last erstaunliche Möglichkeiten abtrotzt, sind bemerkenswerte Spielarten dieses Gestaltungsprinzips. Selbst gertenschlanke Stelen unter kompakten Holzgewichten bleiben dabei standhaft. Manchmal verspielt, mal denkbar schlicht in der Ausführung ist all diesen Arbeiten ihr zeichenhafter Duktus gemeinsam.

Arnim Göhringer kommt ursprünglich aus der Zeichnung. Und so erscheint auch seine bildhauerische Arbeit wie eine Zeichnung, übersetzt in den Raum. Die Kraft der Linie ist der eigentliche Gestaltungsimpuls. Auf markante Weise kommt dies auch in den klein- bis mittelformatigen filigranen Plastiken aus geschwärztem Holz zum Ausdruck, die wie Reliefs vor der Wand schweben. Sie bilden die Schnittmenge zwischen dem Regiment der Linie und der skelettartigen Formgebung, die in der frei stehenden Raumskulptur Göhringers besonders eindrucksvoll zum Tragen kommt. Weiter gibt es - als eine neuere Variante der Vermittlung zwischen Fläche und Raum - jene Wandobjekte, in denen Büttenpapier über flache Holzstücke wie über einen Rahmen gespannt ist. Die Rückführung der Skulptur in die Fläche, die Reibung der wesensverwandten Werkstoffe Holz und Papier eröffnen dem Bildhauer und Zeichner Göhringer ein Experimentierfeld, das noch nicht erschöpft ist.

In der Gegenüberstellung der beiden so sehr auf Reduktion bedachten Künstlerfreunde reizvoll ist die sich vom Entstehungsprozess her so sehr voneinander unterscheidende Herangehensweise. So folgen die Bildschöpfungen Rainer Nepitas einer sich selbst auferlegten Reglementierung. Der Maler, der seine Motive vorzugsweise bei Wanderungen durch die heimische Botanik mit dem Skizzenblock sammelt, hortet die unterwegs gezeichneten Gräser, Blüten und Farne in einem sich beständig vergrößernden Archiv an Skizzenbüchern.

Im Atelier arbeitet er seine Fundstücke nach der Vorlage der Skizzenbücher Seite für Seite chronologisch ab. In stark stilisierter Form überträgt er die Motive aus der Natur in die Malerei oder als ausgearbeitete Zeichnung oder Druckgraphik auf Papier. Die Naturformen in den Skizzenbüchern werden zum Ausgangsmaterial, zum ABC für immer neue Varianten, um diese im Atelierbild – meist farbintensiv – in endlosen Varianten immer wieder neu und anders zu paraphrasieren. Ausgehend von der Ursprungsform werden ein Blatt oder die Form einer Blüte auf ein Zeichen reduziert. In der Leinwandmalerei wie in den Zeichnungen Nepitas stets präsent ist der Graphitstift. Die vergleichsweise zügellose Zeichenspur, die er als besondere Zutat in all diesen Bildern hinterlässt, hebt besagte Routine nach dem Skizzenbuch und die daraus resultierende Gleichförmigkeit wohltuend aus den Angeln.

Bis zum 4. April. Do bis So 14-18 Uhr, Charlottenstraße 122

© Potsdamer Zeitungsverlagsgesellschaft mbH & Co. KG

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