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Kultur in Potsdam 14.10.2014

"Bruder Holz"; Moderne Skulpturen und Reliefs von Armin Göhringer in der Galerie Ruhnke

von Gerold Paul
Ein witziger oder sehr kluger Mann hat behauptet, es dürfte die Materie eigentlich gar nicht geben. Oder fast gar nicht, denn wenn man sich die Verteilung von Masse und Luft innerhalb eines Atoms anschaue, sei das sofort verständlich. Nun, rein materiell gesehen scheint da etwas dran zu sein.

Im Werk des Holzbildkünstlers Armin Göhringer ist es irgendwie ähnlich. Er verwendet geschwärztes Holz, um daraus zu machen, was erklärtermaßen sehr luftig, manchmal gar ein wenig ätherisch daherkommen will oder soll. Schwarz und schweigend stehen einige dieser nicht unbedingt schön zu nennenden Objekte auf dem Fußboden der Galerie Ruhnke, zwei sind bereits die Kellertreppe zum Hof hin hochgeklettert, andere zieren düsteren Sinns und in Kontrast zu sich selbst die Wände auf schneeweißem Grund. Seltsamkeiten in ihrer Form und Bildung, alle ohne einen Titel oder einen Namen. Da ist zum Beispiel das freistehende Ausstellungsstück Nummer 3, gut einen Meter hoch, zehn Zentimeter tief, sechzig in der Breite. Es besteht aus zwei vertikalen Ebenen und etlichen Verstrebungen und Verflechtungen, die aus einem kompakten Fuß von unten emporzuwachsen scheinen. Ein bisschen Queres ist auch dabei, damit es besser aussieht. Vielleicht hat man es hier mit einem ständigen Kampf zwischen Sein und Nichtsein zu tun, zwischen Form und Inhalt, zwischen Holz und Luft sozusagen.

Göhringer ist eine Art Formkünstler, auf vielfältigste Weise damit beschäftigt, „Licht durch das Holz zu zwingen“, wie er selbst sagt. Wie viel Materie braucht so ein Bild, wie viel Luft oder Äther? Jedes der 37 ausgestellten Objekte ist hierzu ein Versuch, und eine Versuchung dazu. Er möchte diese mehr oder weniger abstrakten Gebilde sogar als Selbstporträts verstanden wissen. Dergestalt kann man nun die vom Erdreich aufstrebenden Vektoren lesen, die auseinanderdräuen und nur von zwei kräftigen Kompressen zusammengehalten werden. Eine andere Arbeit erzählt, wie leicht die Mitte zwischen schwerem Ober- und Unterteil in der Vertikale sein kann. Von diesem Gemütszustand gibt es auch eine liegende Fassung – die vom gefallenen Mann?

Genial auch, wie Göhringer innere Verschiebungen und Verwerfungen darzustellen versteht, unter völligem Verzicht auf Schönheit. Und was wäre nun das diagonal zerrissene Quadrat anderes als der hart empfundene Frei-Raum zwischen den schwirrenden, irrenden Elektronen? So erzählt jede Arbeit eine kleine Geschichte. Zum Beispiel wie es aussieht, wenn man unversehens aus seinen gewohnten Denk- oder Wahrnehmungsbezügen herausbugsiert wird. In unbekannte, noch schwärzere Materie? Dann wäre es um den Frohsinn dieses Menschen als Künstler nicht so gut bestellt.

Nur Holz und Pechschwarz – und so viel Wesen, so viel Botschaft von der Existenz. Zum Teil sind das, mit Verlaub, fast hilflose Exerzitien, mehr Scheitern denn hehre Kunst, weil die Differenz, von der erzählt wird, zu groß und nicht auszuhalten ist. Sollte es Zufall sein, dass diese Ausstellung durch Schönheit nicht glänzen will, nicht glänzen kann? Und dass die Grundfarbe ausgerechnet das tiefste denkbare Schwarz ist, Farbe der Schuld, der Buße, und mehr?

Wenige Objekte nur sind aus dem hellen Holz der Platane. Göhringer probiert sich aber auch an papiernen Assamblagen, er drängt seine Holzgefährten zur Symbiose mit Büttenpapier, studiert die Technik des Abdrucks. Sogar ein paar Aquarelle sind dabei, mit den Farben und Geometrien des Seins. Dies alles als Formung und Bild, mit Tiefenwirkung, und mit dem schwarzem Feuer des Vulkans gemacht, ein schier lodernder Wert aus Sehnsucht von einem, der kaum von sich sagen kann, er sei bereits fertig mit sich – und mit seinem Bruder Holz.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. November, donnerstags bis sonntags, 14-18 Uhr, in der Charlottenstraße 122 geöffnet.

Erschienen am 14.10.2014 auf Seite 28

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