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Säule und Raster im Dialog
von Richard Rabensaat

Bilder der Malerin Bettina Blohm und Skulpturen von Michael Franke in der Galerie Ruhnke
An "Apriltagen" schwingen dünne schwarze Linien wie abgebrochene Äste über eine nebelgraue Fläche. Vielleicht hat Bettina Blohm das Bild nach einem Spaziergang im Central Park in New York gemalt, dem sie sich ebenfalls in der aktuellen Ausstellung der Galerie Ruhnke widmet. Die geborene Hamburgerin pendelt zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Die Galerie von Werner Ruhnke kombiniert ihre Bilder mit den Skulpturen von Hans Michael Franke. Diese sind aus Muschelkalk oder aus Marmor gefertigt. Besonders bei dem Ensemble "Spaceframe" (Raumrahmen) korrespondieren die Steinblöcke des Bildhauers harmonisch mit den Schwüngen und Geometrien der Malerin, aber auch sonst ergänzen sich die Arbeiten.

Frankes Formensprache ist auf die beiden Elemente des hohlen, rechteckigen Kastens und des halbkreisförmig gebogenen Säulenbruchstückes reduziert. Nur die Skulptur "white room" tanzt aus der Reihe. Hier konstruiert der Bildhauer ein hohles Marmorelement, durch dessen einzelne Rippen das Licht ein Streifenmuster in den weißen Hohlraum zeichnet. Das kontrastreiche Muster lässt den massiven Stein fragil und den Innenraum auf eine sonderbare Weise rätselhaft erscheinen. Neben der Skulptur erzählt das Bild "seven days" mit schwarzen, orangen und grünen Farbfeldern von Licht und Schatten der Wochentage.

Nachdem die 1961 geborene Bettina Blohm bis 1984 in München Malerei studiert hatte, zog sie nach New York. "Baumbilder", "Architekturbilder" und "Figurenbilder" entstanden. Die Malerei Blohms ist im Spannungsfeld zwischen geometrischer Konstruktion und naturnahem, freiem Pinselschwung angesiedelt. "After Altdorfer" heißt ein Gemälde aus dem Jahr 2007. Auf Bild des alten Meisters Alfred Altdorfer, deutscher Maler, Kupferstecher und Baumeister der Renaissance, dem Blohm eine Hommage erweist, beugt sich ein kleiner Ritter im übermächtigen Wald zum soeben massakrierten Drachen herunter. Bei Blohm dagegen steht ein weißes Trapez vor grünem Hintergrund, der sich in wilden Pinselschwüngen ausbreitet. In der viereckigen Fläche klingt der abstrakte Expressionismus Amerikas nach, in dem grünen, frei gesetzten Pinselstrichen kann ein Widerhall der Sehnsucht nach Nähe zur Natur in urbanen Welten erkannt werden, die sich auch in Zeichnungen und Radierungen vom Blohm findet. Es scheint, als ob sich in ihren Bildern in das strikte Tagesraster des einher hastenden Großstadtmenschen unerwartet übrig gebliebene Reste der Natur schieben.

Der Bildhauer Michael Franke dagegen plant die Eingriffe, die er mit seinen Skulpturen vornimmt, zuvor bis ins letzte Detail. Er postiert seine Steine in einer Justizvollzugsanstalt oder auf einem öffentlichen Platz und verändert und dominiert gelegentlich die Örtlichkeit dadurch. Mit Muschelkalk und Marmor wählt der 1963 geborene Franke Materialien, in denen Bildhauer seit jeher ihre Skulpturen fertigen. Seine Formen spielen mit klassischen Grundelementen. Durch Variationen in den Größenordnungen schafft es Franke auf verblüffende Weise das Charakteristikum des jeweiligen Raumes hervorzuheben. Die "Raumrahmen" fassen den Horizont, den Park oder die Stadt ein. So eröffnet der Bildhauer dem Betrachter die Möglichkeit zum Innehalten für einen Blick auf eine Umgebung, der er ansonsten innerhalb einer zweckgerichteten Architektur keinerlei Beachtung geschenkt hätte. Hier treten die beiden unaufgeregten künstlerischen Positionen in einen harmonischen Dialog.
Richard Rabensaat

Noch bis zum 30. April in der Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122, donnerstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr

Erschienen am 13.04.2012 auf Seite 24

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