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Die Andenken zum Andenken
von Klaus Büstrin

Künstlergruppe Bogota in der Galerie Ruhnke
Die Größe einer Zinnfigur beträgt gut 30 Millimeter. Galerist Werner Ruhnke nimmt das Lineal und misst die kunsthandwerklich akkurat geschaffenen kleinen Soldaten aus Zinn nach.

Spuren des Königs im Alltag. Fotografie von K.T. Blumberg. Foto: Galerie Ruhnke

Sie wirken auf dem Tisch oder auf der Hand einfach niedlich. Mag sein, dass sie in einer Gesamtschau mehr Bewegung hervorrufen als die einzelne Figur. In den Fotografien von Dieter Seitz entwickeln sie sogar eine gefährliche Dynamik.

Werner Ruhnke hat Dieter Seitz und seine drei Kolleginnen K.T. Blumberg, Beate Hoerkens und Ruth Stoltenberg, die sich zur Künstlergruppe Bogota zusammenschlossen, eingeladen, ihre Ausstellung "Jeder nach seiner Façon", die am heutigen Freitag eröffnet wird, in seiner Galerie zu zeigen. Klar, dass man bei diesem Titel mit Friedrich II. von Preußen konfrontiert wird. Potsdam ist in diesen Tagen rund um den 300. Geburtstag des Monarchen gefüllt mit einer Fülle von Veranstaltungen. Auch die Galerien wollen mit von der Partie sein. Dabei wird man nicht müde zu betonen, dass ein differenzierter Umgang mit dem "Alten Fritz" eine Selbstverständlichkeit sei. Die Künstlergruppe Bogota löst in der Galerie Ruhnke jedenfalls ihr Versprechen ein, sich an einer unkritischen Jubelfeier nicht zu beteiligen. Da ist dann auch weitgehend keine plakative Kunst zu finden, sondern solche, die zum Nachdenken zwingt. Die Gruppe äußert sich ausschließlich durch die Sprache der Fotografie. Zusammengeschlossen hat sie sich im vergangenen Jahr im Berliner Hotel Bogota, wo der berühmte Fotograf Helmut Newton während seiner Aufenthalte in der Bundeshauptstadt Quartier nahm.

"Jeder nach seiner Façon" geht bekanntlich auf eine Bemerkung Friedrichs zurück, in der er sich zur religiösen Toleranz in Preußen äußerte. Längst legt man es auch so aus: Jeder Mensch darf so leben, wie er es möchte, nach seinen eigenen Plänen und Vorstellungen. Die Künstlergruppe hat sich auf den Weg gemacht, um zu erkunden, wie aktuell dieses Wort heute ist, wie der König sich im Gedächtnis von Zeitgenossen eingebrannt hat.

Detlef Seitz hat während seiner Recherchen zum Thema eine Zinnfiguren-Sammlung entdeckt. Er hat die Soldaten, die in friderizianischen Uniformen "stecken", in militärischen Aktionen fotografiert. Seine wirkungsvollen Inszenierungen kommen einem realen Kriegsgeschehen so nahe, dass einem angst und bange werden kann. Den Zinnfiguren-Fotografien stellt Seitz Bilder von Krieg spielenden Männern zur Seite, die an historischen Originalschauplätzen Schlachten nachbilden. Glücklicherweise wirken die Vereinsherren jedoch wie Figuren aus einer Operette. Man fragt nach dem Motiv solcherart Spiele. Will man so Geschichte besser verstehen? Oder nur einem bunten Spektakel frönen?

Ruth Stoltenberg streifte durch Geschäfte, besuchte Wohnungen im Oderbruch oder in Kloster Zinna, wo Bewohner das Andenken des Königs besonders hoch in Ehren halten, hat er doch deren Landstriche und Vorfahren wirtschaftlich gefördert. Devotionalien aus Gips, Porzellan, Glas, Holz oder aus Wachs stehen in so manchen Vitrinen oder auf Anrichten. Irgendwie hört man durch die Andenken deren unbekannten Besitzer tönen: "Unser König – der Alte Fritz". Und der Betrachter steht lächelnd davor und denkt: "Gott bewahre mich vor diesem Kitsch!"

Ruth Stoltenberg musste für ihre Fotografien nichts inszenieren. So, wie die Andenken postiert waren, wurden sie aufs Bild gebannt, oftmals mit einer ironischen Sicht, die aber nie verletzend ist, denn schließlich soll ja jeder nach seiner Façon selig werden.

Dieser Bemerkung ist die Fotografin K.T. Blumberg ebenfalls explizit nachgegangen und gesellte in einem Diptychon neben den schwarz-weiß aufgenommenen Details von mehr oder weniger ehrwürdigen Friedrich-Denkmälern aktivierende und farbige Momentaufnahmen aus unseren Tagen dazu. So ist einer Sandsteinfigur, die ihre Hände zum Beten gefaltet hat, ein Einkaufsbeutel mit dem reitenden Friedrich gegenübergestellt. Grenzenloses Vermarkten. Auch Beate Hoerkens befragt in ihren Foto-Bildpaaren, die sie unter dem Arbeitstitel "Leid und Leidenschaft" zeigt, die Historie und das Heute. Alte Denkmäler des Königs erhielten jeweils ein Pendant aus unseren Tagen. Dafür benutzt sie oftmals die Verfremdung. Konzentration ist beim Betrachten der Bilder von Beate Hoerkens besonders gefordert, denn auf ihnen wird auch gefragt, ob wir überhaupt das Rückgrat haben, nach unserer eigenen Façon selig zu werden. Klaus Büstrin

Eröffnung am heutigen Freitag, 19 Uhr, Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122.
Die Ausstellung ist bis 26. Februar, donnerstags bis sonntags, 14 bis 18 Uhr, geöffnet

Erschienen am 13.01.2012 auf Seite 20

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