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Von Heidi Jäger

Bedrängt, verkrümmt

Aufrührende Bilder von Stephan Velten in der Ausstellung "Freiheit der Idee. 7 mal Kunst vor ’89" im Potsdam-Museum

"Wir waren Meister der Verdrängung, aber gleichzeitig waren wir voller Initiative und Energie. Es war paradox: vogelfrei im Käfig." Mit diesen Worten umreißt Stephan Velten sein Malerleben in der DDR. Heute fühlt er sich wie ein Boxer, der ins Leere schlägt. Seine feinnervigen, politisch durchdrungenen Spannungskolosse sind keine Bilder, die sich Leute für ihr Wohnzimmer kaufen. Doch trotz der großen Existenzängste, die ihn heute mehr unter Druck setzen als damals die Angst vor der Staatssicherheit, bleibt er sich treu. Der 55-Jährige ringt um bildkräftige Positionen zu Themen wie Krieg oder den unersättlichen Drang nach Wachstum, dem er in seinem Zyklus "Hungry" mit Heimatsuchern, die in Booten hinaustreiben, aufwühlend Ausdruck verleiht. Velten schafft Störfelder: wuchtig aufbäumend, dann wieder von subtiler Feinheit, zwischen Erkennbarkeit und Abstraktion manövrierend.

Seine Bilder aus Ost- und Westzeiten gehören zu der Ausstellung "Freiheit der Idee. 7 mal Kunst vor ’89", die derzeit im Potsdam-Museum und in der Galerie Ruhnke zu sehen ist. Einige dieser Arbeiten sind aus der "Galerie sozialistische Kunst", die zu DDR-Zeiten in Potsdam aufgebaut, nach der Wende eingemottet und nun neu bewertet in Teilen ausgestellt wird. Auch von Stephan Velten wurden damals Bilder angekauft, wie die einfühlsame Porträtzeichnung des Schauspielerin Gertraud Kreißig, die im fleischigen Rosa gemalten "Ringenden" oder die Kohlezeichnung "Bleierne Zeit" von 1989 mit der deformiert-abstrakten Figur. Velten ist voll des Lobes über die jetzige Direktorin Jutta Götzmann, die das Potsdam-Museum wieder "wachgeküsst" und von seinem "verstaubten Touch" befreit habe. "Sie hat für diese Ausstellung unsere Ideen mit hineingenommen, ohne ihr Konzept aus den Augen zu verlieren."

Und dieses Konzept offenbart vor allem eines: dass kein Einheitsetikett "sozialistische Kunst" auf alles geklebt werden kann, was in der DDR entstand. "Die meisten Westdeutschen denken, wir haben alle bis 1989 sozialistisch gemalt und sind dann zu Wendehälsen geworden", so die Erfahrung des Potsdamer Malers. "Aber wir haben uns am internationalen Kunstgeschehen orientiert, so wie die Theater- oder Filmemacher auch. Wir waren doch ehrgeizig." Wer auf Veltens frühe Bilder schaut, spürt vor allem den Einfluss Picassos, der dem Menschen in seiner Auseinandergerissenheit nachspürt. Und auch auf die Bildhauer schaute der Maler, dessen skulpturale Figuren aus ihrem gelben Hintergrund fast herauszustürzen drohen. Veltens Arbeiten sind bis heute aufrührend, berührend, fern jeder Glätte. Er versuchte schon immer die Wahrheit zu finden und keinen Sprüchen zu folgen. Und so malte er nicht die Bestarbeiter, sondern Gesichter, die etwas ausdrücken: die Ausgesetztheit des Menschen, der unter Druck gerät, verkrümmt, bedrängt. "Erst im Nachhinein stellt sich heraus, wie das Lebensgefühl in die eigene Kunst hineinwirkt, ohne dass man es völlig begreift. Es gab vor der Wende schon eine gewisse Tristesse in den Bildern, auch bei mir. Heute sind die Farben viel raffinierter."

Dennoch habe er sich von der neuen Zeit mehr versprochen, von dem Postulat: "Die Kunst ist frei". "Doch die Leute kaufen nicht, wenn sie sich mit Problemen auseinandersetzen müssen." Dennoch: 250 Werke hat Stephan Velten nach der Wende verkauft, "aber nur dank der Kunstbeflissenheit unserer westdeutschen Schwestern und Brüder. Ohne sie könnte ich nicht überleben. Der Markt reduziert sich für mich auf sechs bis sieben Sammler."
Sein Geschichtsbewusstsein entwickelte sich schon, als er noch ein kleiner Junge war, bei den Großeltern Kriegsbücher las und Fotos ermordeter Juden betrachtete. Das Thema Krieg transportierte sich unterschwellig durch sein Leben und erhielt durch den Irak- und Afghanistan-Krieg neue Nahrung. Veltens "Helden"-Bilder zeigen schattenrissartig junge Männer, die verheizt werden. "Alle schreien heute nach helleren Farben. Doch die sind nicht immer die ausdrucksstärksten. Der Weißabgleich muss zu einem passen."

Die Zeit der DDR scheint für ihn heute Lichtjahre zurückzuliegen, stellte er gerade in Vorbereitung auf diese Ausstellung fest, die Werk und Interviews von sieben Künstlern auf spannende Weise miteinander vereint. Diese ziemlich starke Zäsur sei interessant, aber auch belastend, "denn man wird aus der Arbeit herausgerissen." Er sei damals kein Widerständler gewesen, habe nur in Richtung Kunstauffassung gern mal "gestänkert". Als er 1987 als Nichtgenosse den Vorsitz der Sektion Malerei des Verbandes Bildender Künstler übernahm, traten zwei Genossen zurück. "Verändern wir uns, weil wir heute in einer anderen Zeit leben oder nur, weil wir älter werden?" Diese Frage sei für ihn schwer zu beantworten.

Am Donnerstag, dem 17. Dezember um 18 Uhr findet ein Gespräch mit
Stephan Velten, Michael Arantes Müller und Frank Gottsmann statt, in der Benkertstraße 3.



Stephan Velten in der Ausstellung im Potsdam-Museum vor seinem Zyklus "Gelbe Torsi", gemalt 1989. Zu sehen sind auch die Kohlezeichnungen "Bleierne Zeit" und "Große Figur" von 1989/ 88 (l.) sowie seine "Helden" (r.), mit denen er sich gegenwärtig beschäftigt und die junge Menschen zeigen, die sich im Krieg verheizen lassen. Foto: Manfred Thomas

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