Sie sind hier: Presse-Echo

Ressort: Potsdam Kultur

"Es war ein Hirngespinst" , Grafiken von Georg Baselitz in der Galerie Ruhnke

Von Lore Bardens

Nach dem zweiten Semester an der Kunsthochschule in Ost-Berlin wurde Georg Baselitz wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" vom Studium ausgeschlossen. Man empfahl ihm, sich in der Produktion der Schwarzen Pumpe zu bewähren. Aber das wollte er nicht und ging nach Westberlin. Das war 1956. Erst 1969 stellte er seine Motive auf den Kopf. Dafür wurde der Maler, Grafiker, Bildhauer und Zeichner – 1938 als Hans-Georg Kern in Deutsch-Baselitz in Sachsen geboren – berühmt. Die DDR hat viele Künstler vertrieben – und einige davon zählen heute zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern.

Georg Baselitz gehört selbstverständlich dazu, nicht nur, weil der Betrachter beim Bilderansehen unweigerlich eine Halsstarre bekommt, versucht man doch, dem Befehl des eigenen Gehirns zu folgen und die Motive wieder "richtig herum" zu deuten. So hat er durch diesen simplen "Trick" uns alle gezwungen, beim Betrachten seiner Bilder, zumindest da, zu verstehen, dass nichts mehr richtig herum ist in diesem Deutschland, das wir alle in uns tragen. Auch wenn er behauptet, dass der Kopfstand die gegenständlichen Motive ihrer Bedeutung beraubt, so ist das nur eine Teilwahrheit. Die Kopfstände, die damals die Kritik zur Abwehr trieben, bringen neue Bedeutung, neuen Sinn.

Nun kann man dieses Seh-Abenteuer auch in Potsdam erleben: mit 25 Grafiken aus der Sammlung der HypoVereinsbank München sowie weiteren aktuellen Arbeiten der Galerie Ruhnke, die im Kellergewölbe einen verspielten, witzigen, gelassenen Baselitz zeigen. In der "Frivolität des Alters", sagt Baselitz in einem Interview, habe er erfahren, dass das, "was dich belastet ... weg" sei. "Es war ein Hirngespinst. Es kam von außen". Man könne sich nicht von seiner Geschichte lossagen, ist sich Baselitz sicher. Die Menschen, die behaupten, sie haben mit der deutschen Geschichte nichts zu tun, lägen falsch. Und so tauchen in den Grafiken Motive auf, die wir schon lange kennen: In zwei Versionen sehen wir den Adler, der Kopf steht, und das ist natürlich auch ein deutscher Adler. Der Linolschnitt "Orangenesser" schimmert schwarz-orange und ist vielleicht 1981 noch eine Replik auf die DDR, in der die Menschen weniger Orangen essen konnten als die im Kongo. Bäume (der deutsche Wald) verschlingen die Gedanken in ein tiefes Gestrüpp. "Der Hirte" schwenkt – noch in der gewohnten Aufrechthaltung – 1965 seine Peitsche über einem friedhofartigen Gelände, in dem Baumstümpfe mahnen und zwei Enten merkwürdig deplatziert erscheinen. "Der neue Typ" von 1965 kann ebenso als Reflektion auf sozialistische Lehren verstanden werden: Brutal schieben sich die Schultern und der massige Körper links an den Bildrand, aber er scheint keinen Zentimeter vorzurücken. "Als Maler bin ich zwei Deutsche", sagt Baselitz 1987 in dem Interview, das man in der Galerie lesen kann. Und darin gibt er freimütig seine Meinung über die DDR-Malerei zu: "Das ist verdorben ... Das ist ein Sumpf", sagt er und macht sich damit sicher nicht nur Freunde. Doch Baselitz fürchtet sich davor sicher nicht. Schon 1963 malte er mit "Die große Nacht im Eimer" gegen alle Zeitströmungen an und verlieh seiner Wut über unser historisches Päckchen sehr martialischen Ausdruck. Auch wenn keine der berühmten Malereien oder Skulpturen in der Ausstellung bei Ruhnke zu sehen sind, erlaubt diese Grafikschau dennoch, ein bisschen Baselitz zu erkennen. Und damit, vielleicht gerade an diesem Ort, in dem jetzt diese zwei Deutschlands zusammenwachsen, auch ein bisschen der eigenen Geschichte zu verstehen. Ein gelungener Auftakt zum Jubiläumsjahr des Mauerfalls.

Zu sehen bis 8. März, Charlottenstr. 122, Mi - So, 14 bis 18 Uhr.

© Potsdamer Zeitungsverlags GmbH & Co.