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Kultur in Potsdam - 11.10.2013

AUSSTELLUNG IN POTSDAM
Nicht das Offensichtliche zählt
von Dirk Becker

Am morgigen Samstag eröffnet mit "Two Feelings" die Gemeinschaftsausstellung von Giancarlo Lepore und Hideaki Yamanobe

Giancarlo Lepore und Hideaki Yamanobe fordern Aufmerksamkeit. Nicht aufdringlich oder plakativ. Ihr Fordern ist eine stille Einladung. Zum Innehalten und zum Hinschauen. Zum Eintauchen und zum Berühren. Es ist allein das Auge, das hier all die Sinneseindrücke sammelt. Geduldig und aufmerksam. Wach und für jedes Detail offen. Es ist das Auge, das hier berührt, sich berühren lässt und diese Berührung förmlich als eine Art Empfindung weiterleitet. Und dann wird die Kunst von Giancarlo Lepore und Hideaki Yamanobe zu etwas ganz Persönlichem.

"Two Feelings" (Zwei Empfindungen) ist der Titel der von Wolfgang Ruhnke kuratierten Ausstellung mit Skulpturen des Italieners Giancarlo Lepore und Bildern des Japaners Hideaki Yamanobe, die am morgigen Samstag eröffnet wird. Nach der wenig überzeugenden und in manchen Fällen sogar nur Kopfschütteln hervorrufenden Ausstellung "Phylle (Fülle)" des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (PNN berichteten) lohnt sich der Besuch der Gemeinschaftsgalerie in der Charlottenstraße nun auf jeden Fall. Denn die Kunst von Lepore und Yamanobe ist ein Erlebnis. Ein entdeckungsreiches und meditatives Erlebnis.

Yamanobes Bilder sind Ahnungen, Schemenlandschaften von einer sanft strahlenden Ruhe, die neben der Reduktion des Gezeigten in der sparsamen, manchmal sogar fehlenden Farbigkeit begründet liegt. Wenn Yamanobe Objekt beim Malen seiner Bilder vor Augen oder im Kopf hat, verwischt er sie auf der Leinwand. Weil nicht das Offensichtliche, sondern das Dahinter wichtig ist. So herrscht ein kaum zu durchdringender Nebel auf zahlreichen Bildern, der den Betrachter fordert zu suchen, zu erforschen und ganz für sich zu entdecken. Oft sind es nur ein oder zwei Kanten, Umrisse oder Formen, die Yamanobe auf seinen Bildern andeutet. Der Rest bleibt verschwunden. Und so liegt es am eigenen Auge, der eigenen Bereitschaft und Fantasie, in den Arbeiten des Japaners, die Titel wie "Mauer", "Snownoise" oder "Spur" tragen, Städte, Häuser oder Landschaften zu entdecken. Manche dieser groß- und kleinformatigen Bilder wirken wie verunglückte Fotografien, die entweder über- oder unterbelichtet wurden und so für immer den eigentlichen Augenblick, das zum Zeigen Bestimmte, in sich versteckt halten. Und in dem Yamanobe im Grunde so wenig zeigt, ist er in seinen Bildern ein großer Erzähler, der so der Form, dem Entstehen und dem Wesentlichen huldigt.

Besonders eindrucksvoll in ihrer Schlichtheit, der Bild- und Farbkomposition sind die drei Arbeiten aus der Reihe "Memory Red". Wo Yamanobe sonst meisterhaft vor allem mit Schwarz-, Weiß- und Braunschattierungen arbeitet, hat er hier mit einem warmen Rot ein stark reduziertes, skizzenhaftes Architekturmeditationsensemble geschaffen. Von so schlichter und gleichzeitig kraftvoller Schönheit und berührender, empfindsamer Stille.

Auch die Skulpturen von Giancarlo Lepore, bis zu zwei Metern hoch, tragen diese empfindsame Stille in sich. Und wie bei Yamanobe sind es auch hier Form, der Prozess des Entstehens und das Wesentliche, die Essenz, die der Italiener in seinen Arbeiten sucht. Der Mensch bleibt, im Gegensatz zu früheren Arbeiten, nur eine ganz vage Andeutung. Eine Bewegung, mehr nicht, die in Lepores filigranen Skulpturen eingeflossen ist. Sie sind von betörender Leichtigkeit, diese Skulpturen aus Metall, in denen sich menschliche Regungen, Naturprozesse und etwas Tiefes, Grundlegendes verbinden. Es wirkt, als habe Gianfranco Lepore in einem besonderen Moment in seinem Atelier den Einklang von allem erfasst und versucht, diesen festzuhalten. Wohl wissend, dass ihm dies nie gelingen kann. Aber allein der Versuch, eine Ahnung davon zu vermitteln, ist all die Mühe wert.

Wer diese Skulpturen näher betrachtet, wird die zahlreichen Muster und Schattierungen entdecken, die das Material kennzeichnet. Muster und Schattierungen, die Themen, Geschichten, ganze Zeitläufte erzählen. Tritt man jetzt auch näher an einige Bilder des Japaners und lässt dessen Spiel mit den unterschiedlichen Oberflächen, den Hautzauber der Farbschichten auf sich wirken, werden wieder Parallelen zu Gianfranco Lepores Arbeiten deutlich. Faszinierend dabei ist, dass der Japaner und der Italiener sich zum ersten Mal überhaupt in dieser Potsdamer Ausstellung begegnen.

Galerist Werner Ruhnke hat Lepore in seinem italienischen Atelier kennengelernt, Yamanobe in einer Ausstellung in Köln. Hin hat es gereizt, zwei Künstler gemeinsam auszustellen, die aus ganz unterschiedlichen Traditionen kommen. "Das ist immer wie ein Experiment", so Ruhnke. Denn bis zur Ausstellung wisse man nie, ob die Chemie zwischen den beiden Künstlern und ihren Werken stimme. Im Fall von "Two Feelings" ist es mehr als die Chemie, die stimmt. Hier hat Werner Ruhnke zwei Künstler mit äußerstem Feingefühl zusammengebracht, die in ihrer Suche nach dem Wesentlichen, einer alles durchdringenden Tiefe sehr weit gekommen sind. Und der Betrachter ist staunender Gast in dieser spannungsreichen und so still-faszinierenden Welt.

Die Ausstellung "Two Feelings" wird am morgigen Samstag um 16 Uhr in der Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122 eröffnet und ist bis zum 10. November, donnerstags bis sonntags, von 14 bis 18 Uhr, zu besichtigen

Erschienen am 11.10.2013 auf Seite 22

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