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"Brachen zu Goldstaub", Der Künstler Volker Bartsch zeigt seine Arbeiten zur Gentrifizierung in der Galerie Ruhnke

von Ariane Lemme

Sie hat den traurigen Glamour des Morgens nach der Party. Über die Skulptur von Volker Bartsch, eine ellenhohe Plastik aus rostbraun lackierter Keramik, rieselt Goldstaub, die Frage ist: Veredelt er diese Brachial-Ruine oder ist er das Problem? Volker Bartsch will dazu eigentlich nicht recht Stellung beziehen, der Künstler sieht sich lieber als stiller Beobachter, als einer, der die Phänomene seiner – unserer – Zeit reflektiert und dokumentiert. "Ich will mich nicht mit einem moralisch erhobenen Zeigefinger über etwas erregen", sagt Bartsch.

Sein Galerist Werner Ruhnke, der dem in Berlin und Wildenbruch bei Potsdam arbeitenden Künstler jetzt die Ausstellung „Weg damit“ widmet, ist bei dem Thema Gentrifizierung – um das geht es Volker Bartsch in seinen jüngsten Arbeiten – deutlicher: "Ich bin sowieso dafür, dass es Grund und Boden nur in Erbpacht geben dürfte, dass damit nicht spekuliert werden darf – da kommt der Sozialist in mir hoch."

Klar ist: Beim Schlagwort Gentrifizierung – soziologisch für die Aufwertung von Stadtteilen durch den Zuzug von Kreativen, denen dann die Zahlungskräftigen folgen – kochen die Gemüter allgemein schnell hoch, nicht nur in Berlin, wo Brache um Brache verschwindet und die Mieten steigen, sondern natürlich auch in Potsdam. Die Garnisonkirche wieder aufzubauen, das hält Bartsch etwa gestalterisch für falsch: "So fragmentarisch, wie der Ort jetzt ist, ist er viel authentischer, eigentlich wäre es richtig gewesen, die Ruine stehen zu lassen." Aber das gab es eben schon immer, die Frage, was kommt weg, was wird an Altem erhalten, so Bartsch. Die Idee zu dem Zirkel von Arbeiten, die ab dem heutigen Samstag in der Galerie Ruhnke zu sehen sind, kam ihm in Rom. Dort fiel ihm auf, wie skeptisch die Römer gegenüber allem Neuen sind, wie sehr Neubauten dort teilweise angefeindet werden. "Dabei ist Neues, neue Architektur, ja nichts per se Schlechtes."

Weil Volker Bartsch aber keiner ist, der sich schnell von etwas vereinnahmen lässt, weil er den Dingen gerne auf den Grund geht, mietete er sich für sein Gentrifizierungs-Projekt im Kater Holzig am Berliner Spreeufer ein. Für alle Nicht-Berliner: Das Kater Holzig war der Nachfolger der legendären Bar 25 und entstand aus einer Initiative von Partyveranstaltern und Freigeistern, die eben mehr wollten, als mit anderen zusammen hedonistische Feste zu feiern, sondern die auf der Brache am Spreeufer auch neue Lebenskonzepte ausprobieren wollten. Vor fast genau einem Jahr mussten sie das Gelände an der Köpenicker Straße räumen, wenige Monate zuvor hatte die Kater Holzig GmbH Insolvenz angemeldet.

Lieber stiller Beobachter als Aktivist. Der Künstler Volker Bartsch. Foto: Andreas Klaer

"Mich hat vor allem die Fähigkeit dieser Leute fasziniert, zu improvisieren, mit Abrissmaterialien neue Räume zu schaffen – und zwar solche, die auch von Polizei und Brandschutz abgenommen wurden." Und so sehr ihn manches vielleicht an seine eigene Jugend in den 1970er-Jahren erinnert haben mag, so schnell erkannte er auch: "Hinter der wilden Struktur saß beim Kater Holzig ein knallhartes Management, das war von außen gar nicht so erkennbar."

Er aber, der 51-jährige Bartsch, saß mittendrin, hatte sich mit seinem temporären Atelier – bester Blick auf die Spree inklusive – mitten unter Berlins junges Partyvolk gemischt. Dort entstanden vor allem die Bilder, große Formate und kleinere, alle voll expressiver Dynamik und spitzer Winkel. Rechte Winkel hat er sich in seiner Arbeit komplett verboten, aus zwei Gründen: Rechte Winkel entsprechen unseren Sehgewohnheiten, unsere Welt ist voll von rechten Winkeln. Seine fiktiven Architekturen verunsichern eben deshalb, weil das Gewohnte hier verrutscht.

Und dann – dazu muss man sich nur die modernen Meister wie Georges Braque oder Max Beckmann angucken – erzeugen spitze Winkel natürlich Spannung und Dynamik, ein visuelles Rauschen, das den ständigen Wandel, den die Moderne nun einmal bedeutet, gut ausdrückt. Und so sind Bartschs Bilder, obwohl kein einziger Mensch in ihnen auftaucht und sie etwas ganz und gar Statisches abbilden, nämlich die Architektur unserer Städte, alles andere als erstarrt. In ihnen ist ein Tosen, als kämen sie direkt aus den roaring twenties. Gleich am Eingang hängt so eines, weiß und grau übereinanderstürzende Wohntürme, durchbrochen nur an wenigen Stellen von einem regenbogenfarbenen Licht. In Tokio, sagt er, ist ihm die Idee dazu gekommen, als er sich fragte, was wohl passiert, wenn auch das letzte Stück Himmel zugebaut ist.

Ein bisschen düsterer, weniger hoffnungsfroh, ist eine Collage unten im Keller: Das Foto eines verfallenden Friedhofs, von Efeu überwucherte Grabsteine. Doch daraus erwachsen, das hat Bartsch im oberen Teil des Bildes schon eingemalt: kühne Glas- und Stahlgerüste, Entwürfe für das Zukünftige. In Britz in Neukölln etwa könne man das schon beobachten, dass Friedhöfe entwidmet werden, um Platz zu schaffen für Wohn- und Bürogebäude. „Da werden nicht nur Gräber, sondern auch unsere ganze Beerdigungskultur entwidmet“, sagt er. Und sieht es trotzdem mit Humor: Vor dem Bild ist ein Stück Kunstrasen ausgerollt, an dessen Ende eine schwarze Stele. Als Katholik würde man darauf ein kleines Weihwasser-Schälchen erwarten, aus dem die Gräber zu Allerheiligen eifrig bespritzt werden. Bei Bartsch wird sich dort ein QR-Code finden, der den Besuchern die passende Musik aufs Handy spielt: "Knocking on Heavens Door".

Wem diese Anspielung zu offensichtlich ist, der freut sich vielleicht an Bartschs Skulpturen: In den dunklen, entkernten Gerippen von Häusern entdeckt man bei genauem Hinsehen immer noch das Bunte, das Leben in der Nische, der Brache: Die Innenwände hat Bartsch hier bunt angemalt – nur bei einer Arbeit sind auch sie schon vergoldet.

Die Ausstellung "Weg damit" von Volker Bartsch eröffnet am heutigen Samstag um 16 Uhr in der Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122 und ist dort bis zum 8. März zu sehen.
Geöffnet ist montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr.

Erschienen am 07.02.2015 auf Seite 02

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