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Potsdamer Neueste Nachrichten, 05.10.2015




»Vom Nutzen der Kunst«
von Richard Rabensaat

Edel, hilfreich und gut kann nicht nur der Mensch sein. Der Anspruch lässt sich auch an Stühle, Kleiderbügel – Dinge des Alltags – stellen. Manchmal allerdings mutieren die zur Kunst, derzeit zu erleben in der Galerie Ruhnke. Dort balancieren 15 Künstler auf dem schmalen Grad zum Design. Und: Sie stürzen dabei nicht ab, sondern zeigen, dass die Grenzen fließend sind. Das Spektrum der Gegenstände, die die Fantasie der Künstler angeregt haben, reicht von der Fußmatte über die Gardine bis hin zum Lampenschirm.

Dem Ding an sich wohnt ja kein Leben inne. Gerät es allerdings in den Bereich der Kunst, wird es zum Transformator einer möglichen Bedeutung, die über den schnöden Zweck hinausreicht. Was zuvor bloß als Behältnis oder Ablage gedacht war, verliert seine Bestimmung und wird zur Form. Etwas Neues. Manchmal ist es auch andersherum. „Oft sieht man in Ateliers von Künstlern Dinge, die ungewöhnlich, aber nützlich sind“, sagt Werner Ruhnke, der Galerist. Dies habe ihn zu der Ausstellung inspiriert. Realisiert haben sie dann aber die beiden Künstlerinnen Pomona Zipser und Claudia Busching.

So ganz neu ist die Idee freilich nicht. Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand stehen schon seit dem vergangenen Jahrhundert im Spannungsverhältnis. Ab etwa 1913 zeigte Marcel Duchamp – zum Beispiel mit seinem Flaschentrockner – dass allein der Kontext über die Qualifizierung als Kunstwerk entscheidet, eigene handwerkliche Fähigkeiten und vergossenes Herzblut des Künstlers hingegen kaum marginale Bewertungskriterien sind.

In der Galerie Ruhnke wirken die kleinen Figurinen, die Mikos Meininger auf einem Sockel präsentiert, wie von Patina überzogen . Der Stoff und die Oberfläche, aus dem die vermeintlichen Bronzen gefertigt sind, verschafft dem Betrachter eine veritable Augentäuschung. Denn tatsächlich sind die ungefähr 20 Zentimeter hohen Minibüsten aus Papier gemacht und federleicht. Sie würden jedes private Wohnzimmer und Bibliothek schmücken. Deshalb hofft der Künstler auf weitere Möglichkeiten, die zunächst als Unikate hergestellten Werke zu vervielfältigen. Einzelstücke können aber schon jetzt erworben werden.

Aus Holz, Leder und Pappe hat Pomona Zipser den „Lehnenden Diener“ gebaut. Wie auch bei ihrem „Schuhträger“ gelingt der Künstlerin spielend die Verwandlung des einfachen Dings in eine surreale Skulptur. Sperrig und spitzig entfaltet der Gegenstand ein veritables Eigenleben. Selbst die angehängten Schuhe machen ihn nicht zum Gebrauchsgegenstand, sondern transportieren die Geschichte ihrer Träger in das Kunstobjekt. Es ist Zipsers besonderer Blick, der eine ganz eigene Narration zum unprätentiös präsentierten Ding entstehen lässt.

Den umgekehrten Weg geht Angela Bohnen. Stühle und Gitter zeigt sie wie schwarze Scherenschnitte an der Wand. Als Lasercut aus einer Holzplatte geschnitten, sind die dreidimensionalen Gebrauchsmöbel zum zweidimensionalen Wandbild geworden. Durch die Reduktion wird das Abbild zum Zeichen.

Im Alltag verwendbar wären dagegen die Taschen, die Claudia Busching aus Kunststoff fertigt. Das sperrige Material, das der Tragetasche ihren kunstgemäßen Verfremdungseffekt beschert, macht die Handhabung vielleicht ein wenig unbequem. Aber es ist gut denkbar, dass die raffinierte Idee der Künstlerin es zum Must-have bei Prada avancieren lässt. Richard Rabensaat



Erschienen am 05.10.2015

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