Sie sind hier: Presse-Echo

Kultur in Potsdam 02.07.2014

„Kompromisse tun der Kunst nicht gut“
INTERVIEW ZU 10 JAHREN GALERIE RUHNKE

Das Galeristen-Paar Werner Ruhnke und Karin Tondorf bringt den Potsdamern seit zehn Jahren zeitgenössische Kunst nahe. Wie sie das schaffen, erklären sie hier.

Herr Ruhnke, Frau Tondorf, seit zehn Jahren führen Sie die Galerie Ruhnke – Ihre Erfahrung reicht aber weiter zurück.
Werner Ruhnke: Ende der 70er-Jahre ging das los, damals habe ich begonnen, auf den Fluren im Gewerkschaftshaus der ÖTV Gegenwartskunst auszustellen. Ich war damals für die Öffentlichkeitsarbeit bei der ÖTV zuständig, habe die Gewerkschaftszeitung gemacht und irgendwann auch Ausstellungsbesuche für Kollegen organisiert, in die Kunsthalle in Berlin oder den Martin-Gropius-Bau. Unser Engagement war damals sehr stark geprägt durch die Bauhaus-Idee.

Warum das Interesse am Bauhaus?
Ruhnke: Weil dort ein hohes kreatives Potential vorhanden und es keine Berührungsängste zur angewandten Kunst gab, die Genres durcheinander gewürfelt wurden. Das macht uns sehr viel Spaß, deshalb finden bei uns auch immer wieder Musikveranstaltungen statt mit ungewohnter Musik, wichtigen Filmen und Lesungen. Kultur, besonders die Gegenwartskunst, ist für uns einfach ein wichtiges Lebensmittel.

Hat sich Ihr Blick auf die Kunst in den zehn Jahren, die Sie beide jetzt die Galerie in Potsdam betreiben, verändert?
Karin Tondorf: Wir sind anspruchsvoller geworden, die Arbeiten können für uns heute ruhig unbequemer sein. Werke mit stärker dekorativen Elementen interessieren uns nicht mehr so. Wir haben viel gesehen, da wird man irgendwann wählerischer. Gleichzeitig sind die Zeiten schwieriger geworden. Wir fragen immer, ob die Werke etwas mit unserer Zeit zu tun haben.

Gab es auch Fehler?
Ruhnke: Von den über 90 Ausstellungen in den zehn Jahren gab es auch einige, die wir nicht wiederholen würden.

Können Sie ein Beispiel geben?
Ruhnke: Nein, das möchte ich nicht, das würde den Künstlern nicht gerecht, es passt eben nur nicht mehr zu unserem Konzept. Es liegt nicht an den Künstlern, es liegt an uns.

Was sagen Sie Besuchern, die mit den sehr zeitgenössischen Arbeiten, die Sie zeigen, nichts anfangen können?
Ruhnke: Ich werde das immer wieder gefragt: Was soll das sein, ich kann da nichts erkennen. Ich versuche dann, einen Vergleich herzustellen: Tun Sie doch mal so, als ob das Musik für die Augen wäre. Bei Musik fällt es den meisten Menschen komischerweise leichter, die Qualitätsfrage zu beantworten.

Woran liegt das, sind Menschen nicht eher visuell geprägt?
Ruhnke: Ja, und trotzdem quälen wir uns bei der Beurteilung von Kunst viel mehr mit der Frage, ob es uns gefällt, als bei den meisten anderen Genres: Kino, Lyrik, Musik. Oder denken Sie ans Theater! Da kommen die Leute raus und haben oft sofort eine Meinung.

Tondorf: Das liegt vielleicht am Mythos, der um die Bildende Kunst rankt. Sie muss immer etwas ganz Besonderes, Erhabenes sein. Und Galerien und Museen vermitteln ja oft die Aura geheiligter Hallen.


Karin Tondorf, geboren 1952, promovierte an der FU Berlin im Fach Soziologie und forschte zu Entgelt- und Gleichstellungspolitik. Sie betreibt mit ihrem Mann die Galerie Ruhnke.



Wie überbrücken Sie diese Schwelle?
Ruhnke: Wir wollen nicht, dass die Menschen das Gefühl haben, einen Kühlschrank zu betreten, wenn sie zu uns kommen. Die Eröffnungen bei uns sind unverkrampft, es werden keine verkorksten Reden gehalten.

Tondorf: Und wir laden ein zu Debatten, da gab es 2008 etwa mal eine zu weiblicher und männlicher Kunst.

Wie kam es dazu?
Tondorf: Wir hatten damals eine Ausstellung mit zwei Künstlerinnen, da stand dann in der Zeitung: Das ist weibliche Kunst. Ich bin Soziologin, habe mit Genderfragen zu tun – und für mich ist das ein Klischee. Also luden wir zur Debatte und machten vorher eine Präsentation, bei der die Besucher raten sollten, ob eine Arbeit von einem Künstler oder einer Künstlerin stammt. Das haben wir natürlich ordentlich durchmischt, es gab etwa Bilder mit Blümchen, die von Männern gemalt worden waren. Die Auswertung zeigte, wie falsch die meisten mit ihren Zuschreibungen gelegen hatten.

Gerade haben Sie eine Ausschreibung gestartet, Potsdamer sollen ihre Lieblingswerke im öffentlichen Raum fotografieren. Gibt es denn ein Kunstwerk im öffentlichen Raum in Potsdam, das Sie besonders stört?
Ruhnke: Es gibt ein besonders hässliches, die Plastik „Nach Vorn“ der chilenischen Künstlerin Alejandra Ruddoff an der Ecke zwischen Berliner Straße und Nuthe-Schnellstraße. Die finde ich deplatziert – und auch nicht gelungen in ihrer ganzen Formensprache. Ansonsten nehme ich aber wahr, dass sich – gerade auch durch den neuen Skulpturenpfad – in Potsdam eine neue Haltung zur Gegenwartskunst entwickelt. Die Stadt, die ihr Profil bisher vor allem durch Sanssoucis gewonnen hat, entdeckt ihren Sinn fürs Moderne. Dadurch wird sie interessanter.


Werner Ruhnke, 1947 bei Erfurt geboren, organisierte schon bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di Kunst-Ausstellungen im Gewerkschaftshaus. Seit 2004 ist er Galerist in Potsdam.



Sie holen die Bilder in der Regel aber aus den Ateliers. Macht das Werk noch einmal eine Veränderung durch, wenn es von dort in die Galerie wandert?
Ruhnke: Ja, wir erleben immer wieder, dass die Kunstwerke in der Galerie eine ganz andere Kraft ausstrahlen. Auch in ihrem Zusammenspiel, im Dialog miteinander. Die Aura kann sich entwickeln.

Tondorf: In den Ateliers stehen die Werke oft sehr eng. Wie sie dann bei uns in der Galerie wirken, hängt auch davon ab, wie man sie platziert.

Ruhnke: Wir haben etwa in unserer aktuellen Ausstellung Arbeiten von Hubertus von der Goltz, der auch eine Arbeit zum Potsdamer Skulpturenpfad beisteuert. Er arbeitet immer mit balancierenden Figuren. Anfangs waren es tatsächlich nahezu geschlechtslose Figuren, inzwischen sind sie als Frau oder Mann erkennbar. Bei einer der Balancierenden haben wir diskutiert, wie stark der Balken, auf dem sie steht, geneigt sein soll. Denn das sagt ja auch viel aus über die Situation von Frauen heute. Zu steil, das hätte ich zu plakativ gefunden. Und dann musste die Neigung ja auch zur Haltung der Figur passen.

Sie beide sind also ein wenig die Choreografen der Werke?
Ruhnke: Ja, jede Ausstellung ist eine Art Inszenierung, bei der wir, wie auf einer Bühne, die Kunstwerke ein Spiel aufführen lassen. Mit geht es oft so, dass ich im Laufe einer Ausstellung immer neue Aspekte entdecke. Aber es gibt ja auch niemanden, der sich die Ausstellung so oft ansieht und so oft darüber redet. Für die Optik, die Ästhetik der Hängung ist allerdings meine Frau zuständig.

Streiten Sie sich viel?
Ruhnke: Wir haben schon unterschiedliche Einschätzungen, das ist klar. Aber es gibt immer noch genügend Kunst, auf die wir uns einigen können.

Tondorf: Vor allem trennen wir Geschmacksfragen von Qualitätsfragen, man darf ein Kunstwerk nicht aus den falschen Gründen ablehnen. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker, aber was Qualität angeht, das sind wir uns im Wesentlichen einig.

Was ist denn für Sie gute Kunst?
Tondorf: Für uns ist Kunst eine Gegenwelt, in der Visionäres zum Ausdruck kommen kann. Gleichzeitig sagt sie auch viel aus über die Weltsicht des Künstlers. Und wenn jemand eine solche Botschaft an uns richtet, gucken wir uns das genau an und versuchen, die Arbeit zu entschlüsseln. Wir haben hier in der aktuellen Ausstellung ein Werk von Pomona Zipser, von dem ich begeistert bin. Es ist mit sehr wenigen Mitteln gemacht, Sperrholz, kleinen Metallklammern, Bindfaden – arme Materialien. Man sieht, wie sie es zusammengeleimt hat. Es ist sperrig, aber es hat eine innere Harmonie. Man kann sich eine ganze Menge darunter vorstellen. Es ist entschieden, mutig, konsequent – Kompromisse tun der Kunst meistens nicht so gut. Die Arbeit muss nicht alle Fragen beantworten, sie muss in gewisser Weise noch offen sein.

Was planen Sie für die nächsten zehn Jahre? Welche Debatten wollen Sie noch anstoßen?
Ruhnke: Wir wollen auch in Zukunft unseren Beitrag leisten, um Potsdams Profil im Bereich der Gegenwartskunst zu schärfen. Dazu wollen wir insbesondere Kunst zeigen, die ohne uns in Potsdam nicht zu sehen wäre, noch häufiger Künstler aus dem Ausland vorstellen. Wichtig ist uns weiterhin die Beantwortung der Frage, was kann und soll Kunst heute sein.

Tondorf: Deshalb beschäftigen wir uns gerade mit der Initiative „Zentrum für politische Schönheit“, die Kunst in das Leben, die Politik hineintragen möchte.

Das Gespräch führte Ariane Lemme

Die Jubiläumsausstellung in der Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122, ist noch bis zum 6. Juli zu sehen.
Geöffnet ist donnerstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr

Erschienen am 02.07.2014 auf Seite 16


Copyright © Potsdamer Neueste Nachrichten und Potsdam TV

Nach oben

Arbeit von Hubertus von der Goltz. Foto: Andreas Klaer