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GESPRÄCH: Bilder lügen nicht

Künstlerexistenzen in der DDR

POTSDAM / INNENSTADT - Die Frage was die DDR ausmachte, ist im zwanzigsten Jahr nach ihrem erfreulichen Verschwinden ungeklärter denn je. Überblick aber braucht Distanz und Zeitzeugen geben je nach dem Grad ihrer Staatsferne unscharfe Beobachtungen wieder, die zudem von Kommentaren völlig Sachunkundiger ergänzt werden.

Am Donnerstagabend gab es im Museumshaus in der Benkertstraße die wunderbare Gelegenheit, die Zeit zurück zu holen und einen Blick auf echte DDR-Kunst zu werfen. "Freiheit der Idee – 7 mal Kunst vor 1989" nennt sich das Ausstellungsprojekt von Potsdam-Museum und "Galerie Ruhnke", dem nach der Eröffnung am 10. Dezember nun ein Künstlergespräch mit drei beteiligten Malern folgte. Wer sich die Zeit genommen hatte, um noch vor der Diskussion die Bilder von vier der sieben Künstler anzuschauen, dem musste vor allem aufgefallen sein, dass es sich um vollständig ideologiefreie Produkte handelt. Roswitha Grüttner, Jahrgang 1939, mit ihren hochästhetischen, oft an der Grenze zum Abstrakten angesiedelten brillanten Farbkompositionen, Stefan Velten, Jahrgang 1954, als kraftvoller Sezierer von Farbe und Figur, Stephan Möller, der als Bildhauer von der tradierten klassischen Skulptur erfolgreich bis in die Fläche vorstieß, und Michael Arantes Müller mit seinen zuweilen wilden Kämpfen um die wesentliche Form- und Farbgestalt – sie alle belegen untrüglich, dass den meisten Künstlern in der DDR staatliche Vorgaben oder sozialistische Wunschbilder völlig egal waren. Wie dann maßgebliche Protagonisten der westdeutschen Kunstszene nach der wiedergewonnenen staatlichen Einheit trotzdem den Stab über die ostdeutsche Kunst brachen und die hiesigen Künstler sogar stellvertretend für eine Handvoll Staatskünstler diskreditierten, auch das spielte beim Podiumsgespräch eine Rolle.

Museumschefin Jutta Götzmann und Co-Moderator Werner Ruhnke erfragten immer wieder hartnäckig die Umstände und konkreten Beschränkungen einer ostdeutschen Künstlerexistenz. Die drei Kunsthochschulabsolventen Velten, Gottsmann und Arantes Müller erzählten von der Konkurrenz dieser Schulen untereinander und belegten so einen Zustand wie er damals auch unter den westdeutschen Akademien typisch war. Einstimmig war auch ihre Bilanz zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die direkte Kontakte zu zeitgenössischen Kunstströmungen abschnitt. Umso gewiefter wurden die Methoden, statt Reproduktionen Originale zu sehen zu bekommen. Gottsmann berichtete, wie er drei Westtanten für Verwandtenbesuche aktivierte und später sogar eine erfand.

Wie wenig monolithisch gerade eine ostdeutsche Künstlerrunde strukturiert ist, zeigte sich bei der zeitweise erregten Diskussion mit Kollegen aus dem Publikum. Fragen von Form und Inhalt gerieten beinahe zum Glaubenskrieg. Von wegen Einheitsbrei!
(Von Lothar Krone)

© Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam

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