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GALERIE: So fern, so nah
Fotografie von Wolfgang Zurborn und Plastik von Birgit Knappe bei Ruhnke


POTSDAM / INNENSTADT - Ungewohnt laut und turbulent geht es zu in der Galerie Ruhnke. Farbige Fotografie beherrscht die Räume und bedrängt den Besucher. China ist das Thema, "So fern, so nah", wie es der Ausstellungstitel fasst. Die großformatigen Aufnahmen des Kölner Fotografen Wolfgang Zurborn entstanden im Umfeld der Olympischen Spiele. Man meint, Schnappschüsse auszumachen, so fernab jeglicher Kunstfotografie erscheinen die Aufnahmen. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Was so zufällig in der Motivfindung scheint, offenbart sich als optisch wie intellektuell messerscharfe Beobachtung. Es geht um jene Momente, in denen Fotografie aufs Äußerste zugespitzte Widersprüche urbanen Lebens eines Landes offenbaren kann. Zurborn diskriminiert nicht, er sucht auch nicht die Szenen hinter den Kulissen der Macht. Er entdeckt das Leben in seinen Widersprüchen unmittelbar in der monströsen staatlichen Kulisse China. Das ist kompromissloser Realismus, der in seinen Aufnahmen den Touch von Surrealismus hat.
So hängt inmitten verschachtelter, durch die Bildperspektive zusammengedrängter Eingänge in einer Basargasse Maos etwas ausgebleichtes Konterfei mit großväterlichem Blick. Lila Plastetüten verdecken sein linkes Auge. Zu seinen Füßen steht westliche Elektronik. Die Sucht des Fotografen, keine Situation dieser sich selbst ad absurdum führenden Realität zu übersehen, kennzeichnet auch die anderen Aufnahmen. Es sind furiose Geschichtsbilder, die, aufmerksam gelesen, Worte überflüssig und unscharf machen.
Auf heimischem Boden, vertraut mit der Mentalität der Menschen aus dem Rhein-Sieg-Kreis, bewegt sich Wolfgang Zurborn in seinen kleinformatigeren Aufnahmen "Mitten im Westen" aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Es sind gute Aufnahmen, die aber mit der explosiven Präzision seiner China-Bilder nicht mithalten können und wohl auch nicht wollen.
In diesem Foto-Furioso müssen sich auf dem Boden Skulpturen von Birgit Knappe behaupten, Sie können im wahrsten Sinn des Wortes bei voller Konzentration des Blickes auf die Fotografien zum Stein des Anstoßes werden. Das haben sie nicht verdient. Birgit Knappe war Meisterschülerin an der Hochschule der Künste in Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Brandenburg.
Ihre Arbeiten sind eine Entdeckungsreise zur Körperfindung. Ihre Körper schaffen und behüten Räume. Sie haben ihren jeweils eigenwilligen Formrhythmus, der für Auge und Gefühl Ruhe initiiert. Sie offenbart die Schönheit des Materials, im Schliff wie im gewollten Bruch. Das zu genießen ist eigentlich erst möglich bei dem guten Dutzend Klein-Skulpturen im Keller der Galerie.

Charlottenstr. 122, bis 1. August, Do.-So. 14-18 Uhr, 505 80 86.
(Von Arno Neumann)
© Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam



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