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» Potsdam » Regionale Nachrichten 09.02.2009

AUSSTELLUNG: Gegen die Trägheit der Betrachtung
Galerie Ruhnke zeigt im Keller großformatige Druckgrafiken von Georg Baselitz

POTSDAM / INNENSTADT - Allein der Name "Baselitz" ist schon ein Ereignis in der Potsdamer Galerieszene. Die Galerie Ruhnke in der Charlottenstraße zeigt im Galeriekeller und im Erdgeschoss großformatige Druckgrafiken von Georg Baselitz. Damit revanchiert sich auf noble Weise die Hypovereinsbank für die sachkundige Unterstützung, die die Galerie der Potsdamer Bankfiliale bei künstlerischen Präsentationen in deren Räumen gewährt hat.

Baselitz, 1956 wegen "gesellschaftlicher Unreife" vom Studium an der Ostberliner Kunsthochschule ausgeschlossen, tritt kurz darauf in West-Berlin erneut in ein Fettnäpfchen, diesmal moralischer Art. Pornografie ist der gerichtlich erhobene Vorwurf und Anlass zur Beschlagnahme seiner Arbeiten. Damit war er in den Schlagzeilen. Dass ein gesellschaftskritischer Impetus hinter der Bildszene der "Großen Nacht im Eimer" steckte, schien offensichtlich.

Doch das waren nicht unbedingt Baselitz’ künstlerische Intentionen. Die "Bedeutung des Gegenstandes", seine Vordergründigkeit für den Betrachter, bereitete ihm Probleme. Und so drehte er seine Bilder um, malte die Motive über Kopf, ohne sich ganz vom figürlich Gegenständlichen zu entfernen. "Seit 1969 male ich meine Gegenstände, meine Motive, umgekehrt. Also ohne die Bedeutung, die ein Gegenstand haben kann. " So seine Worte von 1981. Zu jener Zeit entstanden die ersten, in der Ausstellung gezeigten Druckgraphiken, wie der Holzschnitt mit dem "Adler", der, deckt man den Kopf als vordergründige Gegenständlichkeit ab, mit seinen expressiven Schnittstrukturen virtuos überzeugt. Zwei Fassungen "Elke im Lehnstuhl" aus den siebziger Jahren zählen zu den frühen Kopfständen von beeindruckender grafischer Qualität. Der Betrachter ringt um den Genuss des abstrakten Formgefüges, denn das figürlich Konkrete lässt ihn auch Kopf stehend nicht los. Um das beim Motiv "Elke" zurückzudrängen, hat Baselitz wohl eine zweite Fassung mit Farbflecken bis in das schon angelegte Passepartout hinein verfremdet.

Baselitz vertreibt jegliche Trägheit der Betrachtung. In dieser Irritation von Konkretem und Abstraktem will jeder Genuss der Form geradezu erkämpft sein. Denn eigentlich provoziert er vor seinen Arbeiten das doch eigentlich sträfliche Bedürfnis nach Erkennen des Figurativen, dem künstlerisch kommentierten Realen. Hat man beim nahezu heiteren Betrachten der Arbeiten seine Sucht erfolgreich in den Griff bekommen, den Kopf nicht zu neigen und zu drehen, so findet man zum Abschluss im Keller eine im gewohnten Sinne aufrecht laufende Figur. Man möchte das Bild umdrehen. Wie banal wirkt es doch nach all den brillanten Kopfständen des Realisten Baselitz!
(Von Arno Neumann)

Charlottenstraße 122,bis 8. März, Mi.-So. 14-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr.

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