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GESCHICHTE: Sprachblätter im Kulturpalast

Die IX. DDR-Kunstausstellung

POTSDAM / INNENSTADT - Das Begleitprogramm der Ausstellung "Freiheit der Idee – Sieben mal Kunst vor '89" im Museumshaus in der Benkertstraße bot am Donnerstagabend Gelegenheit, an einen erfreulichen Moment der gesamtdeutschen Kunstrezeption zu erinnern. In Anwesenheit der 1982/83 an der IX. Kunstausstellung der DDR in Dresden beteiligten Künstlerin Ulla Walter, wurde der damalige Bericht der ARD von Klaus Peter Dencker über diese vieldiskutierte Ausstellung von DDR-Gegenwartskunst gezeigt.

Bevor Museumsdirektorin Jutta Götzmann und der Galerist Werner Ruhnke ihr gemeinsames Projekt zur Neubewertung der Kunst aus DDR-Zeit mit diesem Film voranbringen konnten, versagte die Technik. Das aber gab der der Künstlerin Gelegenheit, schon mal die ersten neugierigen Fragen über ihre Ausbildung und mögliche ideologische Einflussnahmen durch Partei und Staat zu beantworten.

Als der ARD-Film dann mit einem Blick in die Eröffnungsveranstaltung im Dresdener Kulturpalast begann, wirkte alles noch steif und bedrückend förmlich, wie es damals in der DDR üblich war. Ein Sinfonieorchester spielte vor einer riesigen DDR-Fahne Brahms, derweil im Saal Partei- und Staatschef Erich Honecker, Ministerpräsident Willi Stoph, Politbüromitglied Horst Sindermann und der Vorsitzenden des Künstlerverbandes Willi Sitte tiefernst einen Bedeutsamkeitsminen-Wettbewerb bestritten. Der Musik folgten Reden aus weitgehend geistfreien Wortstanzen wie "Verteidigungsbereitschaft" und "sozialistischer Realismus" sowie Sittes devoter Dank an die kluge Kulturpolitik der SED.

Umso kontrastreicher wirkten danach die Statements der interviewten Künstler und deren Bilder. Die Farbenpracht und Dynamik auf den Leinwänden konterkarierte schon optisch die graue, uniformierte DDR-Alltagswelt. Der Mangel, der geistig wie materiell das Erkennungsmerkmal des Sozialismus geworden war, wurde so in den hehren Hallen der Kunst überdeutlich.

Dazu distanzierten sich die Künstler im Gespräch mal mehr und je nach Naturell dann auch wieder einmal etwas vorsichtiger von den kurz zuvor verkündeten Vorgaben der Partei und behaupteten tapfer ihre künstlerische Autonomie. Selbst Aushängeschilder des sozialistischen Realismus wie Bernhard Heisig und Werner Tübke vermieden tunlichst jede Anbiederung an die Vorgaben der Ideologen und flüchteten sich in das Feld der Ironie und des Wortwitzes.

Bilder wie Volker Stelzmanns "Pieta" wagten sogar das Bekenntnis zur christlichen Prägung auch der ostdeutschen Kulturgeschichte. Der grausame Realismus im Bild des vom Kreuz genommenen Christus oder die als "Sprachblätter" titulierten abstrakten Grafiken von Carlfriedrich Claus markierten die ganze Spannbreite von künstlerischen Äußerungen, von denen etliche ihren Anteil am Zusammenbruch der DDR hatten.

info: Doppelausstellung bis 14. Februar; Potsdam-Museum, Benkertstraße 3, Di.-So. 10-18 Uhr; Galerie Ruhnke, Charlottenstraße 122, Mi.-So. 14-18 Uhr. (Von Lothar Krone)

© Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam

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