Ulla Walter zur Ausstellung der Arbeiten von Hans Vent in der Galerie Ruhnke 25. Mai 2013

Hans Vent. Ich nenne ihn: Den Meister des farbigen Grau!

Seine Malerei ist souverän. Der Künstler hat plakative Form- und Inhaltsakrobatik nicht nötig. Denn, wenn man seine Bilder für sich entdeckt, sieht man, wie aus faszinierend farbigen Hintergründen Mehrfachassoziationen auf imaginären, kaum fassbaren Erzählebenen nach vorn quellen. Ausdrucksstark drängen Figuren vor – vielleicht einem Goya verpflichtet. Direkt oder schemenhaft.

Vent baut seine Malerei in spannungsgefüllten Nah- und Fernsichten auf und stellt sie gegen den „schnellen Blick“. Gegen naturalistisch nachgebildete Erkennbarkeit. So lässt er beim Betrachten Fragen entstehen, die keine illustrativen Antworten abwarten - und setzt visuelle Erlebnisse noch vor ihre erklärbare Folgerichtigkeit.

Hans Vent malt die innere Erfindung als Neugierde, als Halt, als Trotz, als Einmaligkeit. Nichts gilt es anzupassen. Nur seiner Kunst genügen und dort Selbstsein: ohne Weltflucht, in der eigenen Schöpfung.

Es ist die Konsequenz dieses Malers an der Menschdarstellung - seinem ewigen Sujet – festzuhalten. Er lässt Figurengruppen, Körper- und Kopfgebilde aus Farb- und Formnebeln entstehen. Aus hingehuschten Schraffuren. Aus Lasuren und Farbflecken, aber auch aus klar gezeichneten Linien.

Formen werden von Farben der Umgebung umbaut, angelehnt, ausgespart, weggelassen, überstrichen.

Aus übermalten oder stehen gebliebenen Restflächen fügen sich Farbharmonien zu neuen Gebilden. Je nach Betrachtungsfocus erkennt man, ähnlich einem Kippmoment, wie jetzt die eine oder andere Hauptform entsteht. In diesem Wechsel der Kontraste - zwischen Bescheidenheit und Bestimmtheit - und der Suche nach Reduktion und skizzenhafter Andeutung steckt eine ergreifende Tiefe, die die Flüchtigkeit des Moments ebenso kennt, wie monumentale Kraft und Beseeltheit.

Dadurch erahnt der Betrachter die Prozesshaftigkeit seiner Bildentwicklungen und blickt noch einmal anders auf die Spuren und Zwischenstationen immenser, malerischer Herausforderungen.

Es war irgendwann in den Siebzigern. Da wurde ich auf Arbeiten von Hans Vent aufmerksam. In damaligen Gemeinschaftsausstellungen hatten seine Bilder ein auffallendes, sympathisch zeitloses Selbstbewusstsein. Es schien, als konnten sie sich ungehemmt, unzensiert und erfrischend mit unspektakulären malerischen Verschlüsselungen entfalten. Aber allein ihr bescheidener Anspruch, nur gemalte Figuren auf Leinwand oder Papier zu sein, machte sie für mich spektakulär!

Der Künstler führte mit reduzierten Tönen und Formen vor, was im stumpfgrauen DDR-Alltagsmulm an feinfarbigen Festen, Genüssen und Konfliktzonen in den unterschiedlichen Menschen wohnte. Wo sich Farben einander bedingten, sich konterten oder im flirrenden Klang verschmolzen, ließ Vent die Lust am Abstraktionsrausch aufleben und kreierte Wahrnehmungsspielräume, die neue, eigene Wahrheiten hervorhoben und es bis heute tun.

Seine Kollegen füllten damals mit großformulierten Themenbildern die Wände; doch Hans Vent sah – ähnlich einem Cézanne, sein großes Motiv in: Menschen am Strand und im Stadtraum - seinen „Figurenlandschaften“ – und blieb damit jener Ideologie fern, die Menschen über Menschen stülpte.
Ihn beschäftigte und beschäftigt die nie ganz zu erforschende Grauzone Mensch: Der Mensch in seinen Stimmungen. Menschen zu einander. Menschen miteinander. Doch oft sind seine Figuren auch isoliert. Im Rückzug. Ganz bei sich und wollen dort nicht gestört sein.

In dieser Haltung, so schien es, hatte der Maler sein Oeuvre aufgebaut. Er hat sich offenkundig nie stören lassen. Sein Werk vermittelt bis hin zu dieser Ausstellung, eine beeindruckend überzeugende Geschlossenheit.

Vielleicht gehörte es ja zu einem der spärlichen Vorteile der früheren Zeit, dass Zeit gleichzeitig Zeit zum Kunst schaffen bedeutete. Jedenfalls waren bis zur politischen Wende die Arbeiten von Hans Vent – in Wichtigkeit und Fülle - zu einem beachtlichen, künstlerisch anerkannten Fundament angewachsen. Und weder das Überlebens-Gehetztsein, noch der Kunstmarktirrsinn, noch jeglicher, rasender, digitaler Bilderwirrwar durchkreuzten später die Schaffenslust dieses Großmeisters.
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Er selbst spricht vom „Kulinarischen“ in seiner Kunst. Man spürt den malerischen Genuss und die Entstehungskraft seiner intuitiven Bildlösungen. Hier knistern faszinierende Helligkeiten unter Grauschattierungen wie Glutflöckchen unterm luftigen Ascheschleier; denn gemaltes Grau ist bei Vent nicht die Unfarbe, ist nicht der dumpfe, ungeschickte Pigmentbrei.

Dieser Maler ist mit Farben aufgewachsen. Sein Vater war Landschaftsmaler, und „die eigentlichen Anfänge des Malersohns aus Weimar lagen im Handwerk“. Grandios zeigt er, wie er mit diesem Können - seinem Vermögen - umgeht, wenn er Farbtöne übereinanderschichtet und eigenwillig mischt. Sein Grau leuchtet als sein künstlerisches Geheimnis. Oft spricht es aus seinen Bildhintergründen heraus, worauf sich manche rosa-kalten Körperformen an schrägschraffierten Abstraktionen stoßen, und dunkle, skizzenhafte Umrisslinien bestimmen das Geschehen.

Weiß, als Farbe, aufgetupft, wirkt wie eine Tüllspitze. Ein Kopf im Profil vor Gewitterstimmung scheint lichtdurchlässig. Auf Formaten wölben sich dunkle Formen wie Metalle, wie grünliche Rüstungen – dann reißt ein maskenhaftes Gesicht auf – rotes, Fleischiges am Rücken eines Halbakts; brennende Farben wie Neapelgelb, Orange, Grün und ebenso tiefes Schwarz… Dynamik. Aktivität… Zwei Köpfe im Quadrat, helles Licht, schraffiert mit Caput-Mortuum-Linien… Dort, vielleicht ein Stahlhelm, vielleicht auch Fahnen…

Aber immer wieder sind es die Grauzonen, Grauflecke, grauen Nebelnester oder winzig blass-grauen Teilbereiche, die das Spektralgerüst seiner Bilder in ihr aufgeladenes Spannungsgeflecht stellen.

Ich spüre bei Hans Vent eine Farben- und Formenlust. Ich spüre auch, wie sie sich aufbaut und vermute, wie er sich selbst bei seiner Arbeit Erzählangebote macht. Dabei kämpfen diese angerissenen Formen und rufen dem Maler zu: „hör auf“; sie wollen abstrakt bleiben, doch dann wollen sie doch noch weiter, um noch mehr zu sagen – und dann wiederum schweigen sie, um sich zu besinnen…

Dabei wirken seine Figuren, als lebten sie in Welten, zu denen nicht jeder einen selbstverständlichen Zutritt erhält…. Flüchtige Blicke, Gesichter in Nachdenklichkeit, heraus schreckend, oder im verinnerlichten, besinnlichen Moment verweilend. Oft blicken sie grübelnd in unsere Welt. Manche Physiognomien starren unbeteiligt, andere fragend. Seine Figuren scheinen dem Betrachter um einiges voraus zu sein. Man muss sich öffnen, um sie zu erreichen.

Aber unsere Sehgewohnheiten haben sich verändert. Die Bereitschaft und Neugierde zur Wahrnehmung von Nuancen und sensiblen Unterschieden durch abstrahiert verfremdete künstlerische Botschaften, die Augen, Geist und Sinne individuell berühren, scheint gestört zu sein. Meist fehlt es letztlich an Zeit, sich auf diesen herausfordernden, bereichernden Prozess einzulassen. Hier zitiere ich jetzt den Künstler, der sagt: „die Ebenen von Empfindung und Erfahrung sind in unserer Zeit weggebrochen…“

Hans Vents Arbeiten konterkarieren aus meiner Sicht unsere heutige oft inhaltsarme Reizüberflutung und deren abgestumpfte, beliebige Schnelllebigkeit. Ich halte sie für hochaktuell!

Das gilt auch für seine Plastiken. Sie sind vorwiegend im Zeitraum zwischen den frühen 70-ger Jahren bis etwa 2000 entstanden. Hans Vent transportiert und erprobt hier aus künstlerischer Neugierde malerische Formideen im dreidimensionalen Raum. Als charakteristisch bezeichnet er die „Kleinheit“ seiner Figuren. Seine „Malerplastik“, wie er betont, hat er nicht an klassischen Bildhauergesetzmäßigkeiten orientiert. Er umbaut Hohlformen und macht an Kanten und Durchbrüchen Schatten konkret, die dem Standpunkt des Betrachters folgen. Diese werden zu dunklen Schattenflecken, ähnlich den Tiefen auf seinen Bildern.

Manche Keramik-Figuren behaupten sich wie monumentale Arbeiten. Als seien sie aus schwerem Stein. Sie könnten ebenso in Größenordnungen eines Kirchturms funktionieren.

Besonders die ersten plastischen Werke hat Hans Vent aus der Fläche entwickelt. Aber auch später wurden von ihm immer wieder Figuren aus gewalztem Ton silhouettenhaft zusammengefügt, wie Keramik behandelt und teilweise glasiert oder ähnlich seiner Bilder mit Zeichnungen, Strukturen und Farben versehen.

Es macht Spaß, all diese Figuren zu betrachten. Sie sind, wie die Farbe Grau, aus dem Gesamtwerk von Hans Vent nicht wegzudenken.

Ulla Walter

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