mit Arbeiten von Claudia Berg (Grafik und Malerei) und Hubertus von der Goltz (Objekte) am 6.7.2007 in der Galerie Ruhnke (Auszug)

Das Konzept der Galerie Ruhnke besteht darin, insbesondere zeitgenössische abstrakte Kunst auszustellen. Heute also eine Ausnahme. Besonders ist heute alles. Ein Monumentalist begegnet einer Buchkünstlerin, beide lernen sich erst heute kennen, 35 Jahre Altersunterschied, ein weiser Künstler mit Westblick, Hamburg, Amerika, Chicago, eine junge Kupferstecherin mit Ostblick, Tianjin Academy of Fine Arts, China. Beide verbindet mindestens Italien und jetzt Potsdam. Claudia Berg ist hier unbekannt. Hubertus von der Goltz zu Hause.

Für mich scheint es so, als würde Hubertus von der Goltz mit leichter Hand, und vielleicht sogar zuerst unbemerkt, in städtebauliche Projekte, die der Strukturierung von Räumen und ihrer Verschönerung dienen sollen, einen zutiefst philosophischen Inhalt einschmuggeln. Denn, was so artistisch spielerisch in den Lüften jongliert, das ist ja nichts anderes, als das Gleichnis unserer Existenz, und zwar der Existenz des einmaligen Einzelnen, der eben, jeder für sich, kommend aus dem Nichts, in seiner Gratwanderung über dem Abgrund, zwischen Himmel und Erde, Schritt für Schritt, auf dem Weg zwischen den Zeiten, in Balance mit sich, mit Konzentration und Wagnis, eine Überquerung unternimmt, die sein Leben ist. Der Zuschauer wird nun so ganz nebenbei angeregt, sich doch, auch selbst, seines Woher und Wohin zu besinnen. Denn in den Arbeiten im Freien, die räumliche Zusammenhänge unverkleinert herstellen, ist es nicht nur der Gedanke, der uns berührt, sondern die Fallhöhe, 1:1, die uns in Schrecken setzt. Vorerst bangen wir für den Anderen. Aber wir sind es auch selbst. Dieser Schrecken ist mit soviel Humor vorgetragen und mit einer Distanz, die eben Kunst möglich macht, dass wir die Botschaft mit Fassung aufnehmen können. Die Katastrophe bleibt vorerst aus.

Claudia Berg hat in Halle studiert an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein. Dort hat sie 2002 das Studium mit dem Diplom beendet in der Klasse für Freie Grafik. Freie Grafik - was ist das? Zeichnung, schwarzweiß, nicht unbedingt Farbe, grafische Techniken. Hat sie je einen Holzschnitt gemacht oder eine Lithografie? Ich habe davon nichts gesehen, aber die Kupferstechkunst.

Claudia Berg macht eine individuelle Analyse. Sie vermittelt die rubenssche Sicht in heutiger Verstehbarkeit, gewissermaßen stenographisch verkürzt. Paris, der Hirte als völlig überforderter Juror, der sich kaum traut hinzugucken. Auch die Göttinnen sind schüchtern und zieren sich, sich voreinander auszuziehen. Aber die kleinen Amoren sind rücksichtslos. Sie reißen ihnen die Kleider vom Leib.
Claudia Berg bevorzugt alte Kupferplatten von abgedeckten Dächern. Würde sie diese Platten ohne eigene Bearbeitung drucken, kämen abstrakte Blätter heraus. Richtig abstrakt wären sie allerdings auch nicht, denn die Kratzer und Löcher, die Beschädigungen der Zeit und der Natur sind eine wahrhaft historische Aussage. Sie behält das als Hintergrund für ihre individuelle Botschaft. Sie bleibt mitgeschichtlich. Ihre Radierungen stellen etwas dar, sie sind, wie kleine Gedichte, Aussagen über unser Leben und die Welt, in die sie geraten ist. Es gab irgendwann eine Kreuzigung. Kriege erzeugen Leichenberge. Limes. Marc Aurel, Volker Braun hat sie angeregt mit seinem Stück. Rom war umzingelt von hungrigen Barbaren. Irgendwann haben die Stacheldrahtzäune nicht mehr standgehalten.
Sie interpretiert Landschaft; Gras, alte Schuppen, Himmel, schöne Langweiligkeit. Sie erinnert die Alten Meister. Holland, Breughel, Bosch. Sie seziert Bilder. In einer digitalen Welt ergreift sie die Strohhalme der analogen Vergangenheit. Sie zeichnet, und zeichnend erklärt sie die Welt für sich und für alle, die sich ihren Arbeiten aussetzen. Sie schafft keine Dekoration. Ihre Kupferdrucke haben eigenes Leben, sie sind nicht so schnell zu Ende gesehen. Aber das Leben besteht nicht nur aus Kunst.

Es ist auch dekadent zu glauben, Kunst und Leben könne man trennen. Claudia Berg ist eine ungewöhnliche Kupferstecherin, Druckerin und Malerin, sie ist aber auch die Mutter von zwei Kindern, Ehefrau, Köchin, Gärtnerin usw. usw. Die schönen Familienfotos im Katalog von Hubertus von der Goltz berühren mich ähnlich. Hier verwischen sich auf wunderbare Weise, für die Künstler selbst und für uns alle, die Grenzen zwischen Kunst und Leben

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